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Nun doch: auf die Couch.

Was tut man nicht alles für – richtig guten – Sex … Nachdem ich mich lange und vehement gegen den Gedanken gewehrt habe, dass meine Anorgasmie ein Fall für die Couch ist, hab ich mich nun doch auf den Weg zu einer Psychotherapeutin gemacht. Die Sessions bei der Körperarbeit waren zwar interessant und erbaulich. Ich lernte dort ein bisschen was über mich selbst dazu und nahm auch einige gute Hinweise mit, die mir in brenzligen Situationen im Job helfen werden. Doch meine Anorgasmie zeigte sich von der ganzen Sache total ungerührt.

So ging ich zu der einzigen verfügbaren Therapeutin der Stadt, die sowohl von der Kasse zugelassen ist als auch die Behandlung von sexuellen Funktionsstörungen im Repertoire hat, heulte in ihrem Ledersessel ein Kleenex nach dem anderen voll und entschloss, bei ihr eine Psychotherapie zu beginnen. Ich ließ einen Konsiliarbericht von meinem Hausarzt ausfüllen, der bestätigt, dass es keine Gegenanzeigen für eine Psychotherapie gibt. Ich muss noch ein paar Formulare unterschreiben und zustimmen, dass ich jede Sitzung mindestens zwei Werktage vorher absage oder andernfalls 50 Euro bezahle (kein leichtes Versprechen mit einem zweijährigen Kind, das jederzeit krank werden kann) und schon kann’s los gehen.

Die gute Nachricht: Diese Therapeutin bezahlt – im Gegensatz zu dem Sextherapeuten, beim dem ich im April vorsprach – die gesetzliche Krankenkasse. Die nicht so gute: Ich brauche bis zu ihrer Praxis eine Stunde mit U- und S-Bahn.

Ich bin ziemlich skeptisch, ob diese Therapie von Erfolg gekrönt sein wird. Aber was tut man nicht alles …

„Unkenntnis ist in der Regel der Grund“

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Bei meinen Streifzügen durchs Netz stieß ich auf eine recht neue Publikation, namens „Psychosomatische Urologie„. Autor ist der Münchner Urologe Ernst-Albrecht Günthert. In seinem „Leitfaden für die Praxis“ widmet er Anorgasmie bei Männern und Frauen je ein Kapitel. Er gibt zwei Fallbeispiele von Anorgasmie bei Männern. Der Mann aus dem ersten Fall hat primäre Anorgasmie (er ist noch nie gekommen). Diese Form nennt der Autor auch „totale“ Anorgasmie (und ich denke dabei unwillkürlich an den „totalen“ Krieg, aber das mag anderen nicht so gehen). Der Mann im zweiten Beispiel hat sekundäre, also erworbene, Anorgasmie. Als Ursache für die Anorgasmie detektierte Herr Günthert bei beiden Männern eine unausgereifte Beziehung zu ihren dominanten Müttern, die in beiden Fällen die Beziehung zu ihren Partnerinnen nicht guthießen. Eine Lösung der „konfliktbehafteten Mutterbindung“ war denn auch die Lösung für die Orgasmusprobleme. So so.

Gespannt las ich weiter, was der gute Mann denn über die Ursachen von Anorgasmie bei Frauen zu schreiben wusste. Und ich erlitt eine derbe Enttäuschung:

„Häufig jedoch ist eine fehlende Verständigung der Partner Ursache einer vaginal-koitalen Anorgasmie. (…) Oft spielt auch der nicht ausreichend berücksichtigte unterschiedliche Erregungsablauf von Mann und Frau eine Rolle; Unkenntnis ist in der Regel der Grund.“

Na toll! Die Männer bekommen eine tiefenpsychologisch begründete Ursache bestätigt, die Schuld für ein Leben ohne Höhepunkte wird ihren Müttern zugeschoben. Und bei den anorgastischen Frauen hapert es einfach an Wissen und/oder klarer Kommunikation mit ihren Männern.

Mich langweilen und nerven diese kurzgreifenden Erklärungen für Anorgasmie bei Frauen. Ich fühle mich für dumm verkauft. Und meinen Partner gleich mit.

Foto: http://www.pixel-pool.net

Anorgasmie macht arm

Nun habe ich es hinter mir. Zum vierten Mal in 13 Jahren habe ich mit einer Frauenärztin über meine Anorgasmie gesprochen. Das desaströse erste Mal habe ich ja schon hier beschrieben. Nun hat mir die Frauenärztin ohne lange Nachfragen den Namen eines Spezialisten genannt und eine Überweisung zum Sexualmediziner mitgegeben.

Ein Blick auf die Website dieses Spezialisten ergab, dass er kein Sexualmediziner, sondern Psychologe ist. Ein weiterer Klick zeigte, dass nicht die Krankenkasse – wie meine Frauenärztin glaubte – sondern ich selbst die Kosten für die Behandlung tragen muss. Ein erster Beratungstermin kostet schlappe 100 Euro.

Ein weiterer Blick in die Ärztedatenbank ergab, dass es in Berlin überhaupt nur drei Sexualmediziner gibt. Auch sie bieten Behandlungen von Anorgasmie an, die man allerdings auch privat bezahlen muss.

Ich bin gerade so in der Lage, das finanziell zu stemmen. Vor wenigen Jahren hätte ich das Geld ganz einfach nicht gehabt. Sicher wären die ein- bis zweitausend Euro in ein neues Leben voller orgasmischer Höhepunkte nicht schlecht investiert. Vorausgesetzt, diese Therapie hält, was sie verspricht.

Darf’s ein bisschen mehr Testosteron sein? Oder wurden Sie vielleicht missbraucht?

Ich war so ungefähr 19 oder 20 Jahre alt, als ich zum ersten Mal mit einem Frauenarzt darüber sprach, dass ich nicht zum Orgasmus komme. Der Arzt kannte mich nicht besonders gut. Seine erste Frage war: „Haben Sie einen älteren Bruder?“ Ich bejahte. „Können Sie sich daran erinnern, dass er sie sexuell missbraucht hat?“

Ich habe und hatte großen Respekt vor dem Arztberuf. Damals dachte ich, wenn der Arzt diesen Verdacht so rasch und so offen aussprach, müsste etwas dran sein. Sowas haut man nicht einfach raus. Natürlich war ich total schockiert. Ich habe einen 7 Jahre älteren Bruder. Dass er sich an mir vergangen hätte, war aber schon eine extrem abwegige Vorstellung.

Das sagte ich dem Arzt, der dann allgemeine Phrasen drosch von sexuellem Missbrauch, der am häufigsten im Familienkreis auftrete, von Traumatisierung und Gedächtnisverlust. Ich glaube, ich saß einfach nur heulend da.

Schließlich verschrieb er mir – ohne irgendwelche Hormontests durchzuführen – Testosteron. Ich ging mit dem Rezept zur Apotheke und erhielt ein frisch angerührtes Tiegelchen mit testosteronhaltiger Vaseline. Die schmierte ich mir täglich auf die Innenseite der Oberschenkel. Das Ganze kam mir recht unnütz vor und ich vermutete ein Placebo-Präparat. Heute hätte ich sofort eine Google-Suche gestartet und herausgefunden, dass man Testosteroncremes Frauen in der Menopause verschreibt, die über Libidoverlust klagen.

Als ich meinem damaligen Freund von der Creme erzählte, nahm er’s mit Humor. Er wachte wohl jeden Tag mit der Erwartung auf, dass mir über Nacht ein Schnurrbart gewachsen wäre. Oder dass ich ihn beim Sprint zum Bus überholen würde. Dies trat nicht ein. Auch meine Libido zeigte sich von der Testosteron-Schmiererei recht unbeeindruckt.

Dafür hat mich der Arzt mit seinem Missbrauchs-Verdacht – gelinde gesagt – nachhaltig verunsichert. Ich grübelte Jahre lang immer wieder, ob ich nicht doch ein traumatisches Erlebnis hatte, das ich vollkommen verdrängt hatte (heute halte ich das für Unsinn).

Ich habe seine Praxis nie wieder betreten. Ich denke, der Frauenarzt handelte verantwortungslos. Anstatt mich zu beruhigen, vermittelte er mir, mir sei etwas Schreckliches passiert, ich trüge ein dunkles Geheimnis in mir, das noch nicht einmal ich selbst verstand. Er hatte offensichtlich keine Ahnung von der Thematik und hätte mich – ohne seine unausgegorenen Gedanken zu äußern – an jemanden verweisen sollen, der sich mit sowas auskennt.

I am the 10 %

Anonymous MaskEs ist ja ein bisschen billig, im ersten Post gleich mal aus der Wikipedia zu zitieren, aber andererseits: Was liegt näher, als die Weisheit der Vielen zu konsultieren? Also, los gehts:

Als Anorgasmie, manchmal auch als „Orgasmushemmung“, wird eine Orgasmusstörung bei Frauen wie Männern bezeichnet, die durch ein oftmaliges oder andauerndes Fehlen eines sexuellen Höhepunktes bei ungestörter Erregungsphase definiert ist. (…) Anorgasmie tritt laut empirischen Studien bei Frauen häufiger als bei Männern auf: Nur etwa ein Drittel der befragten sexuell aktiven Frauen berichtet von regelmäßigen Orgasmen. Fünf bis zehn Prozent geben an, noch niemals einen Orgasmus gehabt zu haben.

Fünf bis zehn Prozent der Frauen sind noch nie gekommen. Ich bin also nicht allein. Das ist ja schon einmal etwas.

Als mögliche körperliche Ursachen nennt die Wikipedia Arzneimittel, Diabetes, Multiple Sklerose, Durchblutungsstörungen, Querschnittlähmung. Nichts davon trifft auf mich zu. Daher vermuteten die Ärzte tendenziell psychische Ursachen. So in die Richtung: „Lassen Sie sich einfach mal fallen!“ Und dazu sagt die kluge Wikipedia folgendes:

Während es bei der ärztlichen Behandlung von Männern mit Orgasmusproblemen üblich ist, sowohl psychische als auch physische Faktoren zu berücksichtigen, richtet sich die Ursachenforschung und Behandlung von Frauen, die unter ähnlichen Schwierigkeiten leiden, nach wie vor vorwiegend auf den psychischen Bereich. Selbst in den zahlreichen Fällen, in denen durch diese Handhabe keine Besserung eintritt, wird häufig nicht umfassender nachgeforscht, die Betroffenen finden keine adäquate Hilfe. In Wirklichkeit ist die Fachwelt häufig ratlos, da die Anatomie und die Funktionen der weiblichen Geschlechtsorgane noch immer nicht hinreichend erforscht sind.

Ratlosigkeit in der Fachwelt. Danke, danke und nochmals danke an den Autor (ich vermute mal eher Autorin) für diese Feststellung, die auch meiner Erfahrung entspricht. Ratlosigkeit herrscht jedoch auch in meinem Ehebett. Und im Gegensatz zu mir haben die Forscher vielleicht kein besonders großes Interesse, die weibliche Orgasmusfähigkeit ernsthaft zu untersuchen. Und die Frauen, die wie ich ohne Orgasmen leben, fordern eine Verbesserung ihrer erbärmlichen Situation ja nicht gerade lautstark ein. Das ändert sich hiermit. Hoffentlich.

Foto: David Shankbone, "Day 36 Occupy Wall Street"
Quelle: www.piqs.de
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