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Nun doch: auf die Couch.

Was tut man nicht alles für – richtig guten – Sex … Nachdem ich mich lange und vehement gegen den Gedanken gewehrt habe, dass meine Anorgasmie ein Fall für die Couch ist, hab ich mich nun doch auf den Weg zu einer Psychotherapeutin gemacht. Die Sessions bei der Körperarbeit waren zwar interessant und erbaulich. Ich lernte dort ein bisschen was über mich selbst dazu und nahm auch einige gute Hinweise mit, die mir in brenzligen Situationen im Job helfen werden. Doch meine Anorgasmie zeigte sich von der ganzen Sache total ungerührt.

So ging ich zu der einzigen verfügbaren Therapeutin der Stadt, die sowohl von der Kasse zugelassen ist als auch die Behandlung von sexuellen Funktionsstörungen im Repertoire hat, heulte in ihrem Ledersessel ein Kleenex nach dem anderen voll und entschloss, bei ihr eine Psychotherapie zu beginnen. Ich ließ einen Konsiliarbericht von meinem Hausarzt ausfüllen, der bestätigt, dass es keine Gegenanzeigen für eine Psychotherapie gibt. Ich muss noch ein paar Formulare unterschreiben und zustimmen, dass ich jede Sitzung mindestens zwei Werktage vorher absage oder andernfalls 50 Euro bezahle (kein leichtes Versprechen mit einem zweijährigen Kind, das jederzeit krank werden kann) und schon kann’s los gehen.

Die gute Nachricht: Diese Therapeutin bezahlt – im Gegensatz zu dem Sextherapeuten, beim dem ich im April vorsprach – die gesetzliche Krankenkasse. Die nicht so gute: Ich brauche bis zu ihrer Praxis eine Stunde mit U- und S-Bahn.

Ich bin ziemlich skeptisch, ob diese Therapie von Erfolg gekrönt sein wird. Aber was tut man nicht alles …

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Dieses ganze Sextherapeuten-Ding …

Vor vier Monaten hatte ich diese Probestunde bei einem Sexualtherapeuten, nach der ich mir in Ruhe überlegen sollte, ob ich bei ihm eine Paartherapie beginnen möchte, um dann vielleicht irgendwann einmal einen Orgasmus zu erleben. Ich habe mir wohl genug Zeit genommen, um schließlich festzustellen: That’s not who I am.

Ich sehe mich einfach nicht mit meinem Mann auf dieser Couch sitzen, wie wir einem Therapeuten über unser Liebesleben sprechen. Dafür ist mir unsere Intimität zu heilig. Ich habe Angst, dass sie dann zu einem Therapie-Gegenstand wird – wie ein Patient, der in einem komischen Flatterhemd auf einem Untersuchungsbank sitzt und darauf wartet, abgehört und abgeklopft zu werden. Das will ich unserer Sexualität nicht antun. Ich möchte sie nicht in das kalte Licht der Diagnostikleuchte zerren.

Dann soll sie lieber weiter vor sich hin dämmern.

Bin ich zu bequem für einen Orgasmus?

Es ist nun bald einen Monat her, dass ich beim „Schnuppertermin“ für eine Sexualtherapie war. Der gute Dr. Love erklärte mir dabei, dass ich mir meine Vorstellung von einem Geheimrezept mit Orgasmustherapie abschminken könnte. Kommen oder nicht zu kommen, würde wohl bis zu meinem Lebensende ein wunder Punkt für mich bleiben. Versprechen könnte er mir aber, auf eine tiefere Ebene der Sexualität zu gelangen. Voraussetzung dafür sei allerdings, dass mein Sexualpartner zu den Sitzungen mitkommt. Dr. Love werde den Finger in die Wunde legen und so einiges aus unserer Partnerschaft hinterfragen. Er würde da herumbohren, wo es weh tut – wie ein Zahnarzt.

Es ist für mich und meinen Mann gar nicht so einfach, unter der Woche tagsüber zwei Stunden irgendwo als Paar zu erscheinen: Entweder arbeiten wir oder wir müssen uns um unsere Lütte kümmern. Außerdem bin ich mir nicht so sicher, ob ich so eine Paartherapie mit Kopfstress, schwierigen Gesprächen und Problemwälzerei momentan auf mich nehmen möchte. Da bleibe ich doch lieber anorgastisch und habe dafür aber ein kuscheliges, harmonisches Zuhause.

Oder sind das alles faule Ausreden?

Viele Männer erleben Sex als einen wichtigen Grund, überhaupt eine feste Beziehung einzugehen – neben Bindungswünschen, die natürlich auch Männer haben. Wenn es dann, nach Etablierung der Beziehung keinen Sex mehr gibt, steht für sie die Beziehung infrage. Der Deal ist geplatzt – sie fühlen sich verarscht. Anders herum ist für viele Frauen Sex als Pfand für Beziehung immer noch ein häufiges, oft unbewusstes Motiv. Als Pfand, das sie gelernt haben, geben zu müssen, im Tausch für Bindung und Sicherheit. Also geben sie Sex vor allem dann, wenn die Bindung noch nicht gefestigt oder gefährdet ist.

http://www.zeit.de/2013/18/sexualitaet-therapie-christoph-joseph-ahlers/seite-1

Kann es sein, dass Herr Ahlers hier ein paar sexistische Stereotypen reproduziert?

Mit dem Sex ist es wie mit Gott

Letzte Woche war ich ja zum ersten Mal bei diesem Sextherapeuten. Der erklärte mir die Funktion von Sex so: Es geht dabei gar nicht um Lust und Befriedigung und tolle Orgasmen; sondern darum, Nähe zwischen zwei Individuen herzustellen und aufrechtzuerhalten. Miteinander zu schlafen ist wie eine Erneuerung des Versprechens: „Wir gehören zusammen.“ Aus der Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden, bedeutete in der Steinzeit, also vor noch gar nicht langer Zeit, den sicheren Tod. Und die Angst vor dem Verlassenwerden beherrscht uns immer noch, auch wenn wir heute als Singles ganz famos leben können. Sex lindert die Angst vor dem Alleinsein.

Ich ging aus dem Gespräch mit dem Gefühl, dass mein Problem vielleicht nicht mein fehlender Höhepunkt sei, sondern tatsächlich meine falsche Vorstellung vom Sex. Ich denke eigentlich, dass ich Sex habe, um Lust, Genuss und Befriedigung zu empfinden.  So ähnlich wie beim Essen. Und mich reitet – blöderweise, zugegeben – die Vorstellung, nur mit einem Orgasmus „wahren“ Sex zu haben.

Nach dem, was mir der Sextherapeut unterbreitete, denke ich: Vielleicht erklärt sich meine Lustflaute dadurch, dass ich auch ohne Sex keine Angst vor dem Alleinsein habe und auch so schon genug Nähe empfinde.

Vielleicht ist es mit Sex wie mit Gott – man braucht ihn nur in unsicheren Zeiten.

Ne- und Urologen

Sexualmediziner sind oft auch Urologen. Und da meine Frauenärztin mich wegen primärer Anorgasmie zum Sexualmediziner überwiesen hat, bin ich schließlich in einer Praxis für Urologie gelandet. Der Urologe hatte volles Haar und blaue Augen. Als ich ihm von dem Grund meiner Konsultation erzählte, zuckte er bedauernd mit den Schultern. Die Praxis würde das nicht mehr behandeln. Seine Kollegin hätte früher Sexualtherapien durchgeführt und das stehe immer noch so auf der Website, entspreche aber nicht mehr dem aktuellen Stand. Wenn Männer mit Anorgasmieproblemen zu ihm kämen, schicke er sie zu einem Neurologen, einem Spezialisten für Psychosomatik. Er schrieb mir seine Adresse auf.

Was die Männer dann gegen ihre Anorgasmie verschrieben bekämen, wollte ich wissen.

„Ein spezielles Masturbationstraining“, erklärte der blauäugige Urologe. In einem anderen Zusammenhang hätte mich das wohl schmunzeln lassen. Männer, die das Masturbieren lernen müssen – sowas gibt es also auch. Und wohl gar nicht mal wenige.

Anorgasten aller Länder, vereinigt euch!

Als ich dieses Blog begann, ritt mich die Vorstellung, meine individuelle Sichtweise auf Anorgasmie – jenseits der Lehrmeinungen – nach und nach zu entfalten. Ich wollte zeigen, dass Anorgasmie nicht eine Störung ist, an der nur unaufgeklärte, „verklemmte“ oder sexuell traumatisierte Frauen aufgrund ihrer (zum größten Teil) selbst verschuldeten sexuellen Inkompetenz leiden. Ich wollte dafür eintreten, Anorgasmie wertfrei als Laune der Natur zu betrachten. Als körperlichen Makel, den man akzeptieren und mit dem man sehr gut leben kann.

Nun, nur einen Monat später, überkommen mich die Zweifel. Vielleicht bin ich doch einfach gestört und sollte das endlich mal zugeben. Vielleicht bin ich wirklich zu ängstlich für „den kleinen Tod“, wie die Fachliteratur erwägt. Vielleicht muss ich doch meine schwierige Kindheit aufarbeiten. Lernen, mich fallen zu lassen. Oder vielleicht bin ich – wie eine Kommentatorin suggerierte – asexuell.

Wenn ich Blogs lese von Autisten, Schwerhörigen oder dissoziativen Persönlichkeiten spüre ich die positiven Vibes aus den Kommentaren, die sagen, „Mir geht es auch so, Du bist gar nicht so wunderlich, wie die anderen Dich glauben machen wollen.“ Ich wünsche mir auch solchen Auftrieb von Menschen, die verstehen, wie ich mich fühle mit meinem Makel (oder mit meiner Besonderheit, je nachdem).

Ich möchte ein bisschen mehr Selbsthilfegruppe-Feeling. Sonst noch wer?

Foto: diver, "Organisiertes Chaos"
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Quelle: www.piqs.de