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Komm auf den Flokati, Kleiner!

„Das Sexleben der meisten Menschen ist gar nicht so, wie Sie vielleicht denken und wie die Medien es darstellen,“ sagte meine Frauenärztin, „sehr viele Frauen erzählen mir, dass sie mit dem Sex in ihrer Beziehung unzufrieden sind.“

Ja, ich weiß. Mit meiner Anorgasmie bin ich vielleicht in der Minderheit, nicht aber mit meiner Suche nach neuem sexuellem Glück. Allein die unendliche Flut von Beiträgen in mehr oder minder lesenswerten Frauenzeitschriften zeugt von einem gewissen Notstand. Da werden die besten Tipps für ein aufregenderes Liebesleben versprochen – vom Kochrezept bis zur Beckenbodenübung. Und auch aus den Gesprächen mit meinen Freundinnen höre ich, dass sie nicht jeden Abend mit Schaum vor dem Mund ihr Sweetheart auf den Flokati zerren. „So ist das eben in einer langen Beziehung,“ heißt es lakonisch.

Und das ist vielleicht auch gar nicht schlimm. Man braucht den Sex in den ersten Monaten und Jahren, damit aus zwei Fremden Partner werden, die das abenteuerlichste Projekt überhaupt wagen: eine romantische Beziehung. Wenn die Fremdheit überwunden ist und man durch die körperliche Nähe eine unsichtbare Verbindung zu einander geschaffen hat, treten vielleicht andere Bedürfnisse in den Vordergrund. Und der Sex trottelt etwas schlaksig nebenher.

Den ersten Sex mit einem neuen Partner empfand ich immer als einen Moment großartiger Magie, die ich sonst in meinem Leben kaum fand. Das Zittern, das seinen Körper ergreift bei dem Anblick meines nackten Körpers. Wie sich seine Fingerspitzen auf meiner Haut anfühlen, sein Blick auf meinen Brüsten, zum ersten Mal. „Du bist schön.“

Sex in einer langjährigen Beziehung ist anders. Wir sind uns vertraut. Ich weiß, wie ich ihn bespiele und er weiß, was ich mag. Verglichen mit den ersten Malen fühlt sich der Sex für mich – nicht immer, aber oft – wie ein Abklatsch an. Wie der verzweifelte Versuch etwas aus der Versenkung zu holen, was eben für immer versunken ist.

Es gibt andere Dinge, die nun den Zauber heraufbeschwören, der früher fast automatisch den Raum betrat, sobald wir uns auszogen. Es sind unbestimmbare Reize, die mich umwerfen – eine kluge Bemerkung, ein verschmitztes Lächeln, ein Gedanke, den wir zeitgleich äußern, seine Verlegenheit, wenn ich traurig bin. Und nicht zuletzt die Gesten seiner Liebe zu unserem Kind.

Ich weiß nicht, ob es klug ist, sich der Erkenntnis zu ergeben, dass der Sex in einer langjährigen Partnerschaft nicht mehr so heiß  wie der eines frisch verliebten Paares ist. Es zu akzeptieren, sich zurückzulehnen und sich an den anderen Dingen zu erfreuen. Oder ob das eigentlich nur eine Ausrede ist, weil wir nicht in der Lage sind, eine neue Ebene der Erotik zu erreichen, die es mit dem Zauber des Anfangs wirklich aufnehmen kann.

Behindert bin ich nicht, behindern tue ich

Anorgasmie ist keine Behinderung. Es ist auch keine Krankheit. Es ist – ganz schnöde – eine „Störung“. Und doch fühle ich mich behindert mit diesem Nicht-Kommen-Können. Natürlich nur in Bezug auf eine bestimmte Fähigkeit, die ich nur in einem bestimmten Bereich meines Lebens brauche. Aber ist das mit „echten“ Behinderungen nicht auch so?

Und es kommt noch ärger: Nicht nur fühle ich mich behindert, ich behindere in ganz unerhörter Weise meinen – von sich aus weder behinderten noch gestörten – Partner. Ich hindere ihn daran, dass er mit der Frau seines Herzens (also mir) häufigen, hemmungslosen, hingebungsvollen Sex hat. Ich behindere vollkommen die Entfaltung seiner Lust. Aus Liebe zu mir muss er ständig Rücksicht nehmen, sich zurücknehmen, verzichten, verstehen.

Darf ich ihm das eigentlich zumuten?

Ende
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Zu meinen Lieblingsserien gehört die britische „Misfits“. Mir gefällt unter anderem, wie das Thema Sexualität verhandelt wird. Die „Misfits“ sind eine Handvoll junger Delinquenten, die gemeinnützige Arbeit leisten. Als ein Unwetter die Stadt heimsucht, trifft sie ein Blitzschlag. Bald darauf bemerken sie die sonderbaren übernatürlichen Kräfte, die das Unwetter ihnen beschert hat. Nicht nur sie, sondern – wie sich im Laufe der Serie herausstellt – auch etliche andere Leute sind auf einmal anders.

Ein Aufreißer-Typ hat plötzlich eine Vulva und will seinen Schwanz mit allen Mitteln zurück. Eine Frau erhält die Gabe, ihren Freund alles tun zu lassen, was sie will. Ein Mann kann sich in eine Frau verwandeln und entdeckt dabei nicht nur den sexistischen Chauvinismus seiner Umwelt, sondern auch die weiblichen multiplen Orgasmen (nicht, dass ein falscher Eindruck entsteht: wohl die meisten Gaben oder Kräfte haben nichts mit Sex zu tun. Es gibt auch Figuren, die einfach in der Zeit reisen, sich unsichtbar machen oder Gedanken lesen können).

Eine Protagonistin – Alisha – löst, sobald man sie anfässt, unwiderstehliche Triebe bei ihren Berührern aus. Sie kann diese Macht nicht kontrollieren und als sie eine Beziehung beginnt, geschieht dies unter der Voraussetzung, dass sie und ihr Liebster sich nicht berühren. Sex reduziert sich bei ihnen darauf, sich vor einander zu masturbieren. Es geht nicht lange gut zwischen den beiden und schließlich ist es der sensible, sexuell unterversorgte Außenseiter, der Alishas Herz erobert und einen Weg findet, ihre Macht zu besiegen.

Die Suche nach einem glücklichen Sexleben ist ein immer wiederkehrendes Thema in der Serie. Die Tragik und Verzweiflung, die dieser Sehnsucht eigentlich innewohnt, werden mit Surrealismus und schwarzem Humor konterkariert.

In dieser Sichtweise auf Sexualität, bei der die vermeintlichen Freaks der Standard sind, finde ich mich sehr schön wieder.

 

Vom Lieben und Lieben lassen – ohne zu kommen

Zwar kann man auch ohne Orgasmus tollen Sex haben, ganz so easy ist das Leben mit primärer Anorgasmie dann aber doch nicht. Ich bin damit immer sehr offen und ehrlich umgegangen. Einen Orgasmus vorzutäuschen, das hätte ich meinen Partnern gegenüber als unfair empfunden. Am Anfang ist es ja auch nicht ungewöhnlich, dass die Frau nicht kommt. Spaß hatte ich ja dennoch dabei. Und dann, wenn’s langsam ernst wurde und sich eine Beziehung anbahnte, erzählte ich es: „Ich weiß nicht, was ein Orgasmus ist. Ich kann einfach nicht kommen.“ Oft glaubte der Mann, mich „heilen“ zu können („Baby, da bist du bei mir richtig … I’m Mister lover lover.“ – nee, hehe, sowas hat keiner gebracht). Und ich glaubte oder hoffte auch, dass es mit diesem Mann besser würde.

Unser Sexleben kam meistens ungefähr ein Jahr lang ganz gut damit aus, dass ich keinen Orgasmus hatte. Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne: Man probiert Einiges aus, der Appetit auf den Anderen überkommt einen an den exotischsten Orten – es ist aufregend. Doch nach einigen Monaten flacht der Hormontrip ab. Der Mann fühlt, dass seine „Heilungsmission“ scheitert. Und auch mir reicht der empathische Orgasmus nicht mehr. Es langweilt mich, ihn über, unter oder hinter mir extatisch zusammensacken zu fühlen, während ich auf meinem Ätna der ErregungAmore sitzen bleibe. Und der Ätna will einfach nicht ausbrechen.

Der Sex frustriert mich, und um meinen Frust zu vermeiden, vermeide ich die Lust. Mein Partner spürt meinen nachlassenden Enthusiasmus im Bett. In Gesprächen wird unsere Hilflosigkeit deutlich. Ein paar Versuche mit Champagner und Kerzenlicht oder andere mehr oder weniger einfallsreiche Eskapaden bringen leidenschaftliche Momente. Sie lösen aber nicht das Problem.

Ich fragte mich dann, wie lange es noch gut gehen würde. Wann hätte mein Partner mal wieder Lust auf eine Frau, die abgeht wie eine Rakete in der Silvesternacht? Könnte ich ihm einen Seitensprung verdenken? Oder lag es vielleicht doch an ihm? Sollte ich mir vielleicht einen anderen suchen, der es mir endlich mal wirklich besorgt? Wie wäre es mit dem schwitzenden Bauarbeiter da drüben?

Meine Befürchtungen haben sich nicht bewahrheitet (ok, zumindest nicht, dass ich wüsste). In den Beziehungen, auf die ich zurückblicke, fanden wir andere Wege der Intimität. Der Mensch ist ein homo compensator. Ich bin meinen Partnern sehr dankbar für ihr Verständnis und ihre Geduld. Andererseits hatte ich auch viel Geduld und Verständnis mit ihnen.

Ich habe mich dazu entschlossen, die Suche nach dem Höhepunkt wieder zu starten. Ich tue das nicht für meinen Partner. Naja, ein bisschen schon. Aber nicht aus Angst, verlassen zu werden. Ich tue es für mich. Weil ich nicht aufgeben möchte.

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„Es gibt für Frauen auch tollen Sex ohne einen Orgasmus“

Den Satz, der die Überschrift bildet, las ich in dem Blog Der Anna Code. Dort bekommen Männer auf der Suche nach Verführungs-Tipps einigen Input.

In einem durchaus empfehlenswerten Post gibt der Autor eine Anleitung, wie man Frauen zum Höhepunkt bringt. Er räumt dabei jedoch ein – und dafür lobe ich ihn ganz ausdrücklich – , dass es auch Frauen mit Orgamusproblemen gibt und widmet ihnen immerhin drei Abschnitte. Darin schreibt er:

„Wenn du merkst, die Frau kommt nicht zum Orgasmus, dann hör auf, sie wund zu scheuern, es gibt für Frauen auch tollen Sex, ohne einen Orgasmus zu bekommen.“

Diesen Satz hätte ich nie so formuliert, und doch spricht er mir wirklich aus dem Herzen. Ich habe jenes sicher gut gemeinte „Wundscheuern“, das ausdauernde Manifestieren von Stehvermögen, mit dem ein oder anderen Sex-Partner erlebt. Natürlich ist es dann an der Frau, klar zu signalisieren, wann es gewünscht ist, dass der andere einfach mal kommt. Und in vielen Momenten war das Spüren des Anderen, der in mir vollkommen aufgeht in seiner Lust, ebenfalls ein tolles Gefühl. Ich nenne es den empathischen Orgasmus.

Wie wär’s mit einer elektrischen Vagina?

Schalter

Vor kurzem stieß ich auf den Blog Not quite like Beethoven, in dem es um Schwerhörigkeit geht. NqlB beschreibt in einem Blogeintrag sein Ringen mit der Frage, ob er sich ein elektrisches Ohr, also ein Cochlea Implantat, einoperieren lassen sollte. Dafür spräche, dass er damit wieder einfacher mit anderen Menschen kommunizieren könnte. Jedoch wäre es ein Zugeständnis an die Perfektionierung des Körpers durch die Hightech-Medizin (verkürzt ausgedrückt, ich empfehle die Originallektüre). Er befürchtet, dass ihm sein Körper durch das Einsetzen eines solchen Implantats entfremdet würde.

Ich habe mich nach dem Lesen seines Posts und der knapp 70 Kommentare gefragt, was wäre, wenn mir ein Arzt vorschlüge, mir eine elektrische Klitoris zu implantieren. Batteriebetrieben und daher nicht immer einsatzbereit, dafür aber – bei adäquatem Gebrauch und regelmäßiger Wartung – mit Orgasmusgarantie.

NqlB entschließt sich schlussendlich doch für das Implantat und bezeichnet sich selbst damit – nicht ganz ohne Ironie – als Cyborg: teils Mensch, teils Maschine.

Wie wäre es also, wenn ich diesen urmenschlichen Akt – mit meinem Partner körperlich eins werden und dabei in allerhöchste Verzückung geraten – mit Hilfe einer Hightech-Klitoris endlich erleben könnte? Würde ich das wollen?  – Eher nicht. Denn ich hätte das Gefühl, dass es eben nicht meine Lust ist, die da zum Höhepunkt kommt. Sondern lediglich, dass ein elektrischer Mechanismus funktioniert. Den Orgasmus stelle ich mir als etwas Metaphysisches vor, das keine Maschine produzieren kann. Lieber entbehre ich ihn, als dass ich mich einer solchen Gauklerei ergeben würde.

Andererseits: NqlB beschreibt, dass ihm nicht der Hörverlust an sich so zu schaffen macht, sondern die Abschirmung von den Menschen, die damit einhergeht. Auch für mich bedeutet die Unfähigkeit, Sex ebenso zu genießen wie mein Partner, in gewisser Weise Isolation und Einsamkeit. Vielleicht würde ich – auch meinem Partner zuliebe – daher doch einer elektrischen Vagina zustimmen. Und es vielleicht, wie NqlB, noch nicht einmal bereuen.

Foto: Kevin Dooley, „Thingamagoop 2 from Bleep Labs“
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