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Mit dem Sex ist es wie mit Gott

Letzte Woche war ich ja zum ersten Mal bei diesem Sextherapeuten. Der erklärte mir die Funktion von Sex so: Es geht dabei gar nicht um Lust und Befriedigung und tolle Orgasmen; sondern darum, Nähe zwischen zwei Individuen herzustellen und aufrechtzuerhalten. Miteinander zu schlafen ist wie eine Erneuerung des Versprechens: „Wir gehören zusammen.“ Aus der Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden, bedeutete in der Steinzeit, also vor noch gar nicht langer Zeit, den sicheren Tod. Und die Angst vor dem Verlassenwerden beherrscht uns immer noch, auch wenn wir heute als Singles ganz famos leben können. Sex lindert die Angst vor dem Alleinsein.

Ich ging aus dem Gespräch mit dem Gefühl, dass mein Problem vielleicht nicht mein fehlender Höhepunkt sei, sondern tatsächlich meine falsche Vorstellung vom Sex. Ich denke eigentlich, dass ich Sex habe, um Lust, Genuss und Befriedigung zu empfinden.  So ähnlich wie beim Essen. Und mich reitet – blöderweise, zugegeben – die Vorstellung, nur mit einem Orgasmus „wahren“ Sex zu haben.

Nach dem, was mir der Sextherapeut unterbreitete, denke ich: Vielleicht erklärt sich meine Lustflaute dadurch, dass ich auch ohne Sex keine Angst vor dem Alleinsein habe und auch so schon genug Nähe empfinde.

Vielleicht ist es mit Sex wie mit Gott – man braucht ihn nur in unsicheren Zeiten.

Ne- und Urologen

Sexualmediziner sind oft auch Urologen. Und da meine Frauenärztin mich wegen primärer Anorgasmie zum Sexualmediziner überwiesen hat, bin ich schließlich in einer Praxis für Urologie gelandet. Der Urologe hatte volles Haar und blaue Augen. Als ich ihm von dem Grund meiner Konsultation erzählte, zuckte er bedauernd mit den Schultern. Die Praxis würde das nicht mehr behandeln. Seine Kollegin hätte früher Sexualtherapien durchgeführt und das stehe immer noch so auf der Website, entspreche aber nicht mehr dem aktuellen Stand. Wenn Männer mit Anorgasmieproblemen zu ihm kämen, schicke er sie zu einem Neurologen, einem Spezialisten für Psychosomatik. Er schrieb mir seine Adresse auf.

Was die Männer dann gegen ihre Anorgasmie verschrieben bekämen, wollte ich wissen.

„Ein spezielles Masturbationstraining“, erklärte der blauäugige Urologe. In einem anderen Zusammenhang hätte mich das wohl schmunzeln lassen. Männer, die das Masturbieren lernen müssen – sowas gibt es also auch. Und wohl gar nicht mal wenige.