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Die Frau in der Burka

Vor Kurzem im Ikea: Ich war gerade total in die Vorstellung versunken, wie dieser Couchtisch wohl in meinem Wohnzimmer aussehen würde, da sah ich im Augenwinkel eine unheimliche Gestalt. Ich fuhr herum. Ein maskierter Räuber! Nein, doch nicht. Nur eine Frau in einer Burka. Genauer gesagt, mit einem Niqab vor dem Gesicht. Die Arme, dachte ich. Wird bestimmt voll unterdrückt von ihrem Mann. Und jetzt signalisiere ich ihr mit meiner abrupten Pirouette auch noch, wie abschreckend ihre Erscheinung wirkt. Ein paar Minuten später sah ich sie dann mit ihrem Mann über ein Möbelstück diskutieren. Von einem Sessel mit einem putzigen Namen aus beobachtete ich die Körpersprache des Paares. Von Unterdrückung keine Anzeichen.

So ähnlich, wie ich die Frau in der Burka wahrnahm, mit einer Mischung aus Mitgefühl und Überheblichkeit, fühle ich mich auch wahrgenommen, wenn ich mich als orgasmusunfähig oute.

Als ich so um die zwanzig war (also vor über zehn Jahren), suchte ich öfter mit anderen jungen Frauen darüber das Gespräch. Eine sagte: „Nie einen Orgasmus? So könnte ich nicht leben.“ Eine andere: „Dein armer Freund.“ Die meisten gaben mir den nett gemeinten Tipp, es mal mit Selbstbefriedigung zu versuchen. Wie ich auch hier beschreibe, begann ich damit mit ungefähr zwölf Jahren, und hatte schon allerhand ausprobiert (wer ein bisschen Anregungen sucht, ein Blick hierein lohnt).

Eine gute Freundin sagte mir klar, dass es ihr zu peinlich sei, über dieses Thema zu sprechen. Sie hätte zwar auch lang gebraucht, um einen Weg zu finden, sich selbst zum Höhepunkt zu bringen, wolle mir aber nicht verraten, wie. Zu intim. Ich war natürlich total wild auf ihren Trick, insistierte aber nicht. Ein paar Wochen später fing sie von sich aus damit an, überwand ihre Scham. Ihre todsichere Methode: In der Badewanne, unter Wasser mit der Duschbrause. Ich war schwer enttäuscht. Natürlich hatte ich das auch schon längst ausprobiert. Es ist wirklich sehr angenehm, vielleicht sogar zu angenehm, wenn dann nicht die Krönung folgt. Dann hilft nur die kalte Dusche hinterher.

Mittlerweile spreche ich mit keinen Freundinnen mehr über das Thema. Ich glaube nicht, dass es etwas bringt und sie mir mit ihren Erfahrungen weiterhelfen können. Vor allem tue ich es nicht, weil ich nicht will, dass sie mich ansehen, wie ich die Frau in der Burka: als eine Person, die etwas falsch macht, die mit ihrem Körper nicht klar kommt, die sexuell unaufgeklärt und gehemmt ist und die in einer unerfüllten Partnerschaft lebt. Das bin ich nicht – trotz Anorgasmie.

Anorgasten aller Länder, vereinigt euch!

Als ich dieses Blog begann, ritt mich die Vorstellung, meine individuelle Sichtweise auf Anorgasmie – jenseits der Lehrmeinungen – nach und nach zu entfalten. Ich wollte zeigen, dass Anorgasmie nicht eine Störung ist, an der nur unaufgeklärte, „verklemmte“ oder sexuell traumatisierte Frauen aufgrund ihrer (zum größten Teil) selbst verschuldeten sexuellen Inkompetenz leiden. Ich wollte dafür eintreten, Anorgasmie wertfrei als Laune der Natur zu betrachten. Als körperlichen Makel, den man akzeptieren und mit dem man sehr gut leben kann.

Nun, nur einen Monat später, überkommen mich die Zweifel. Vielleicht bin ich doch einfach gestört und sollte das endlich mal zugeben. Vielleicht bin ich wirklich zu ängstlich für „den kleinen Tod“, wie die Fachliteratur erwägt. Vielleicht muss ich doch meine schwierige Kindheit aufarbeiten. Lernen, mich fallen zu lassen. Oder vielleicht bin ich – wie eine Kommentatorin suggerierte – asexuell.

Wenn ich Blogs lese von Autisten, Schwerhörigen oder dissoziativen Persönlichkeiten spüre ich die positiven Vibes aus den Kommentaren, die sagen, „Mir geht es auch so, Du bist gar nicht so wunderlich, wie die anderen Dich glauben machen wollen.“ Ich wünsche mir auch solchen Auftrieb von Menschen, die verstehen, wie ich mich fühle mit meinem Makel (oder mit meiner Besonderheit, je nachdem).

Ich möchte ein bisschen mehr Selbsthilfegruppe-Feeling. Sonst noch wer?

Foto: diver, "Organisiertes Chaos"
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Quelle: www.piqs.de

Behindert bin ich nicht, behindern tue ich

Anorgasmie ist keine Behinderung. Es ist auch keine Krankheit. Es ist – ganz schnöde – eine „Störung“. Und doch fühle ich mich behindert mit diesem Nicht-Kommen-Können. Natürlich nur in Bezug auf eine bestimmte Fähigkeit, die ich nur in einem bestimmten Bereich meines Lebens brauche. Aber ist das mit „echten“ Behinderungen nicht auch so?

Und es kommt noch ärger: Nicht nur fühle ich mich behindert, ich behindere in ganz unerhörter Weise meinen – von sich aus weder behinderten noch gestörten – Partner. Ich hindere ihn daran, dass er mit der Frau seines Herzens (also mir) häufigen, hemmungslosen, hingebungsvollen Sex hat. Ich behindere vollkommen die Entfaltung seiner Lust. Aus Liebe zu mir muss er ständig Rücksicht nehmen, sich zurücknehmen, verzichten, verstehen.

Darf ich ihm das eigentlich zumuten?

Ende
Foto: Robert Schumah, "Ende"
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Zu meinen Lieblingsserien gehört die britische „Misfits“. Mir gefällt unter anderem, wie das Thema Sexualität verhandelt wird. Die „Misfits“ sind eine Handvoll junger Delinquenten, die gemeinnützige Arbeit leisten. Als ein Unwetter die Stadt heimsucht, trifft sie ein Blitzschlag. Bald darauf bemerken sie die sonderbaren übernatürlichen Kräfte, die das Unwetter ihnen beschert hat. Nicht nur sie, sondern – wie sich im Laufe der Serie herausstellt – auch etliche andere Leute sind auf einmal anders.

Ein Aufreißer-Typ hat plötzlich eine Vulva und will seinen Schwanz mit allen Mitteln zurück. Eine Frau erhält die Gabe, ihren Freund alles tun zu lassen, was sie will. Ein Mann kann sich in eine Frau verwandeln und entdeckt dabei nicht nur den sexistischen Chauvinismus seiner Umwelt, sondern auch die weiblichen multiplen Orgasmen (nicht, dass ein falscher Eindruck entsteht: wohl die meisten Gaben oder Kräfte haben nichts mit Sex zu tun. Es gibt auch Figuren, die einfach in der Zeit reisen, sich unsichtbar machen oder Gedanken lesen können).

Eine Protagonistin – Alisha – löst, sobald man sie anfässt, unwiderstehliche Triebe bei ihren Berührern aus. Sie kann diese Macht nicht kontrollieren und als sie eine Beziehung beginnt, geschieht dies unter der Voraussetzung, dass sie und ihr Liebster sich nicht berühren. Sex reduziert sich bei ihnen darauf, sich vor einander zu masturbieren. Es geht nicht lange gut zwischen den beiden und schließlich ist es der sensible, sexuell unterversorgte Außenseiter, der Alishas Herz erobert und einen Weg findet, ihre Macht zu besiegen.

Die Suche nach einem glücklichen Sexleben ist ein immer wiederkehrendes Thema in der Serie. Die Tragik und Verzweiflung, die dieser Sehnsucht eigentlich innewohnt, werden mit Surrealismus und schwarzem Humor konterkariert.

In dieser Sichtweise auf Sexualität, bei der die vermeintlichen Freaks der Standard sind, finde ich mich sehr schön wieder.

 

Wie wär’s mit einer elektrischen Vagina?

Schalter

Vor kurzem stieß ich auf den Blog Not quite like Beethoven, in dem es um Schwerhörigkeit geht. NqlB beschreibt in einem Blogeintrag sein Ringen mit der Frage, ob er sich ein elektrisches Ohr, also ein Cochlea Implantat, einoperieren lassen sollte. Dafür spräche, dass er damit wieder einfacher mit anderen Menschen kommunizieren könnte. Jedoch wäre es ein Zugeständnis an die Perfektionierung des Körpers durch die Hightech-Medizin (verkürzt ausgedrückt, ich empfehle die Originallektüre). Er befürchtet, dass ihm sein Körper durch das Einsetzen eines solchen Implantats entfremdet würde.

Ich habe mich nach dem Lesen seines Posts und der knapp 70 Kommentare gefragt, was wäre, wenn mir ein Arzt vorschlüge, mir eine elektrische Klitoris zu implantieren. Batteriebetrieben und daher nicht immer einsatzbereit, dafür aber – bei adäquatem Gebrauch und regelmäßiger Wartung – mit Orgasmusgarantie.

NqlB entschließt sich schlussendlich doch für das Implantat und bezeichnet sich selbst damit – nicht ganz ohne Ironie – als Cyborg: teils Mensch, teils Maschine.

Wie wäre es also, wenn ich diesen urmenschlichen Akt – mit meinem Partner körperlich eins werden und dabei in allerhöchste Verzückung geraten – mit Hilfe einer Hightech-Klitoris endlich erleben könnte? Würde ich das wollen?  – Eher nicht. Denn ich hätte das Gefühl, dass es eben nicht meine Lust ist, die da zum Höhepunkt kommt. Sondern lediglich, dass ein elektrischer Mechanismus funktioniert. Den Orgasmus stelle ich mir als etwas Metaphysisches vor, das keine Maschine produzieren kann. Lieber entbehre ich ihn, als dass ich mich einer solchen Gauklerei ergeben würde.

Andererseits: NqlB beschreibt, dass ihm nicht der Hörverlust an sich so zu schaffen macht, sondern die Abschirmung von den Menschen, die damit einhergeht. Auch für mich bedeutet die Unfähigkeit, Sex ebenso zu genießen wie mein Partner, in gewisser Weise Isolation und Einsamkeit. Vielleicht würde ich – auch meinem Partner zuliebe – daher doch einer elektrischen Vagina zustimmen. Und es vielleicht, wie NqlB, noch nicht einmal bereuen.

Foto: Kevin Dooley, „Thingamagoop 2 from Bleep Labs“
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Quelle: www.piqs.de