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Der behinderte Geliebte

Würde jemand zu mir sagen: „Schon Deine bloße Erscheinung inspiriert mich!“, würde ich höchstwahrscheinlich rot anlaufen, so geschmeichelt wäre ich. Bislang ist das aber noch nicht vorgekommen (was nicht ist, kann ja noch werden).

Behinderte Menschen allerdings scheinen diesen Satz öfter zu hören, wie hier, hier oder hier zu lesen ist. Sie empfinden die Zuschreibung „inspirierend“ – im Gegensatz zu den meisten Normalos – als reduzierend, stereotyp und oberflächlich. Am Anfang habe ich diese Empörung nicht verstanden. Mir ist erst langsam klar geworden, dass das Bild vom behinderten Menschen mit seinem Lebensmut, seiner Zähigkeit und vielleicht auch Genügsamkeit ihm einerseits natürlich nicht gerecht wird – und andererseits allzu oft dazu herhält, ein vorwiegend nichtbehindertes Publikum von der eigenen Mittelmäßigkeit abzulenken und womöglich zu mehr Dankbarkeit und Optimismus zu inspirieren.

photo_1284_20120105_11Ich möchte erzählen, was dieses trügerische Klischee mit meinem eigenen Leben zu tun hat: Vor rund zehn Jahren hatte ich auf einer Party einen Mann kennen gelernt; seine lockere Art und wie er über seine Behinderung Witze riss, fand ich einfach umwerfend. Ich musste Tage lang an ihn denken und ließ mir schließlich von einem Bekannten seine Telefonnummer geben. Ich rief ihn an und wir trafen uns regelmäßig. Irgendwie hatte jedes Treffen einen besonderen Zauber und heute frage ich mich, inwiefern meine unbewussten Vorurteile gegenüber Behinderten zu meiner Verliebtheit beitrugen. War ich deshalb so begeistert von ihm, weil in meiner (beschränkten) Vorstellungswelt ein behinderter Mann zurückhaltend, einsam und komplexbeladen zu sein hatte, und wenn einer – so wie dieses Exemplar – vor Aufgeschlossenheit und Witz nur strotzte, ein Superhero sein musste?

Eins ist sicher: Ich war entzückt. Dabei hatten wir objektiv kaum etwas gemeinsam. Er verbrachte zum Beispiel Stunden mit Rollenspielen im Internet. Normalerweise hätte mich so ein Hobby total abgetörnt, aber ich dachte mir, mit seiner Behinderung sei es sicher nicht so leicht, rauszugehen und sich in der Menge zu tummeln; da bevorzuge man eben die virtuelle Welt. Andererseits fand ich schon Dinge, die mich bei jemand anderem nicht großartig beeindruckt hätten, „angesichts seiner körperlichen Beeinträchtigung“ bewundernswert und deutete sie als Anzeichen seiner Charakterstärke: dass er längere Zeit durch Vietnam gereist war, in einem großen Unternehmen eine verantwortungsvolle Position hatte etc. Man sieht in seiner Verliebtheit den anderen ja immer durch die rosa-rote Brille, aber ich frage mich, inwieweit ich mich auch von seiner Behinderung blenden und zu schändlicher Idolatrie hinreißen ließ.

Nach einer Weile bemerkte ich, dass seine lockere Art und die Witze über seine Behinderung (die sich ziemlich schnell wiederholten) zu einer von Klein auf erprobten Strategie gehörten, mit der er den Leuten ihre Berührungsangst nahm. Die Strategie kam mir logisch und adäquat vor, aber ich sah darin nicht mehr einen Ausdruck eines Ausnahmecharakters, dem ich mich zu Füßen werfen müsste. Es ist schwierig, meinen Sinneswandel zu beschreiben, aber die Faszination hatte sich für mich eben aufgebraucht. Ich erkannte, dass der Mann freilich über Wortwitz, Schlagfertigkeit und Selbstironie verfügte, aber sie erschienen mir antrainiert – und zwar aus einer ganz bestimmten Notwendigkeit heraus. Ich fühlte mich plötzlich sehr ernüchtert; am Ende war er doch nicht so beeindruckend, wie ich gedacht hatte …?!

Zudem begann es in mir zu rumoren, wie sehr er eigentlich mich als Menschen wollte oder mich als Nichtbehinderte, als Aushängeschild.

An dieser kritischen Stelle kann in einer Beziehung die echte Liebe anfangen. Man sieht den anderen klarer und nimmt ihn dennoch so, wie er ist. So erging es mir damals nicht, denn das, was ich sah, bot keinen gemeinsamen Boden. Wir hatten doch ziemlich verschiedene Vorstellungen von der Welt und es gab so einiges, was mich mittlerweile an ihm nervte. Schließlich trennten wir uns.

Ich kann bis heute schlecht einordnen, welche Rolle seine Behinderung für mich eigentlich gespielt hatte. Hat sie uns zusammen gebracht oder stand sie trennend zwischen uns? In einer Hinsicht habe ich sie auf jeden Fall instrumentalisiert: Ich hatte damals große Angst davor, ein banales Leben zu führen und war überzeugt, dass ein Leben mit diesem Mann niemals banal sein könnte. Sobald wir auf die Straße traten, zogen wir alle Blicke auf uns.

Es ist sogar gut möglich, dass man uns inspirierend fand.

Bildquelle: www.Pixel-Pool.net

Körperarbeit – erste Lektion

Ich weiß nicht, mit welchem Anliegen die Menschen üblicherweise mit prozessorientierter Körperarbeit beginnen. Vielleicht wollen sie lernen, souveräner aufzutreten, um im Beruf mehr Erfolg zu haben oder bei anderen besser anzukommen. Oder sie möchten ihre Nackenverspannungen lösen. Viele sehnen sich vielleicht einfach nach mehr Wohlbefinden in ihrem Körper. Ich sagte meiner „Körperlehrerin“, dass ich zu ihr gekommen war, weil ich mir einen Orgasmus wünsche.

Von Körperarbeit hatte ich noch nie gehört, bis ich vor ein paar Tagen einen Flyer im Supermarkt fand. Darauf stand:

Körperarbeit macht Ihnen Ihre Verhaltensmuster bewusst. Sie erkennen, wie Ihnen manche von diesen Mustern im Weg stehen und Sie davon abhalten, im Leben das zu erreichen, was Sie sich wünschen.

Spontan fühlte ich mich angesprochen. Es leuchtete mir ein, dass ich über Veränderungen an meinem Körper und an eingefahrenen Bewegungsabläufen auch mein sexuelles Erleben verändern kann. Als ich an demselben Tag zufälligerweise auch an dieser „Körperpraxis“ vorbeikam, von der der Flyer stammte, vereinbarte ich gleich einen Termin.

Die „Körperlehrerin“ machte ein professionell neutrales Gesicht, als ich ihr von meinem speziellen Anliegen erzählte. Ganz klar kannte sie sich mit Anorgasmie nicht aus. Sie stellte allerhand Fragen: ob ich mich schön fände, nach meinen ersten sexuellen Erfahrungen, meiner Religion, meinem Mann. Sie wollte wissen, ob wir denn schon verschiedene Sachen ausprobiert und es auch mehrmals hintereinander gemacht hätten. Ich musste grinsen. Wenn sie wüsste, was ich schon mit den unterschiedlichsten Männern durch hatte … Nein, es liegt nicht an Techniken oder Frequenz, es ist etwas in mir, erklärte ich ihr. Ich stehe mir selbst im Weg, weil ich, anstatt meine Erregung und Lust zu genießen, mich auf den Höhepunkt versteife und auf meine Enttäuschung darüber, dass ich ihn wieder nicht erreiche.

Das verstand sie. „Du musst einfach Deinen Kopf leer machen. Du musst von Deinem Kopf weiter nach unten, dahin wo Du fühlst.“

Nach dem Gespräch schaute sie sich meinen Körper an. Zuerst meine Füße, dann meine Haltung insgesamt, meinen Bauch, meinen Rücken, Nacken und Schultern, den Kieferbereich. Sie fand Verspannungen auf der rechten Seite und massierte. Es tat gut.

Und der schönste Augenblick: Während ich mit einer Wolldecke zugedeckt auf der Massageliege ausruhte, die Augen geschlossen, knipste sie die Lampe in der Ecke aus und verließ den Raum. Dieses Ausknipsen einer Lampe klang so urvertraut und wohltuend. Es erinnerte mich an meine Kindheit, wenn meine Mutter mich ins Bett gebracht hatte und ich ganz sachte in den Schlaf glitt. Ich fühlte mich geborgen und umsorgt. Dieses Gefühl hatte ich schon lang vergessen.

Vulva vs. Pippifrau

Eines Tages wird meine Tochter mich fragen: „Mama, warum hat Paul da unten sowas und ich nicht?“ Oder so ähnlich. Ich werde ihr dann erklären, dass Jungs einen Penis und Mädchen eine Vulva haben. Im Unterschied zu „Scheide“ oder „Vagina“ bezeichnet „Vulva“ nicht nur den inneren, sondern auch den äußeren Bereich mit Schamlippen und Klitoris.

Meine Schwester brachte ihren Töchtern bei, sie hätten eine „Pippifrau“. Mir gefällt ihre Wortschöpfung nicht. Meine Tochter soll ihre Vulva nicht als etwas kennen lernen, das mit Unreinheit verbunden ist.

Andererseits klingt „Vulva“ nach Lateinunterricht und Erwachsenensprache.

Also doch eher Mumu? Zum Glück habe ich bis zu diesem Gespräch noch etwas Zeit.

Orgasmen sind nicht nur eine Frage der Einstellung

Oft wird primäre Anorgasmie dadurch erklärt, dass die Frau sexuell unerfahren, uninformiert oder traumatisiert sei und daher ein negatives Bild von ihrem Körper und Sexualität habe. Dass das Orgasmusempfinden ganz „harte“ körperliche Faktoren bestimmen, scheint zu banal oder zu unwichtig zu sein, um größere Aufmerksamkeit zu erfahren.

Einen anderen Weg schlägt Naomi Wolf in ihrem neuesten Buch ein. Sie beschreibt darin, dass die Intensität, mit der sie Orgasmen erlebte, nachgelassen hatte und sie sich deshalb an einen Neurologen wandte. Er diagnostizierte zu ihrem großen Erstaunen eine milde Form von Spina Bifida. Um ihre Orgasmen wieder in einstige Hochform zu bugsieren, wurde ihr eine Metallplatte in den Rücken operiert.

Ich gebe zu, ich habe das Buch selbst noch nicht gelesen, sondern nur recht kritische Rezensionen, zum Beispiel diese. Die jüngste erschien heute in einem von mir sehr geschätzten Blog http://www.thedirtynormal.com/, und zwar hier. Die sehr sexualkundige Bloggerin Emily Nagoski findet Naomi Wolfs Ursachensuche total daneben. Nicht eine wild daherkonstruierte genetische Wirbelsäulenerkrankung sei für Frau Wolfs maue Orgasmen verantwortlich, sondern, so suggeriert sie, sie könnten vielmehr auf eine Depression hindeuten.

Naomi Wolfs großes Aha-Erlebnis, nämlich dass es für einen Hammer-Orgasmus die richtig verschalteten Nervenverbindungen braucht – und nicht etwa nur die richtige Einstellung zu Sex – stellt die Bloggerin als absolute Selbstverständlichkeit hin.

So sehr mich Nagoskis Analyse überzeugt, so sehr werfe ich ihr vor, dass sie jene Sichtweise als allgemein selbstverständlich banalisiert. Ich danke Naomi Wolf, dass sie die neuronale Ebene, auf der sich ein Orgasmus abspielt, in ihrem Buch thematisiert. Es ist genau diese Ignoranz, zu der sie sich aufrichtigerweise selbst bekennt, die mich so annervt: Man ignoriert die biologischen und physiologischen Vorgänge, die für einen gelungenen Orgasmus ablaufen müssen und packt sie in eine „Frauen sind halt so komplex“-Phrase. Wenn eine Frau nicht kommen kann, dann werden nicht diese Vorgänge untersucht, sondern sie steht sofort unter dem Verdacht, prüde, frigide, verklemmt, oder einfach noch nicht von dem Richtigen durchgenommen worden zu sein. Ein Fall für die Couch – oder für die Motorhaube.

Und Emily Nagoski tappt selbst in diese Falle: Anstatt die medizinische Ursache für Naomi Wolfs Orgasmusflaute anzuerkennen, dichtet sie ihr eine Depression an und schiebt sie in die Psycho-Ecke.

Da möchte ich nicht auch landen.

Die Frau in der Burka

Vor Kurzem im Ikea: Ich war gerade total in die Vorstellung versunken, wie dieser Couchtisch wohl in meinem Wohnzimmer aussehen würde, da sah ich im Augenwinkel eine unheimliche Gestalt. Ich fuhr herum. Ein maskierter Räuber! Nein, doch nicht. Nur eine Frau in einer Burka. Genauer gesagt, mit einem Niqab vor dem Gesicht. Die Arme, dachte ich. Wird bestimmt voll unterdrückt von ihrem Mann. Und jetzt signalisiere ich ihr mit meiner abrupten Pirouette auch noch, wie abschreckend ihre Erscheinung wirkt. Ein paar Minuten später sah ich sie dann mit ihrem Mann über ein Möbelstück diskutieren. Von einem Sessel mit einem putzigen Namen aus beobachtete ich die Körpersprache des Paares. Von Unterdrückung keine Anzeichen.

So ähnlich, wie ich die Frau in der Burka wahrnahm, mit einer Mischung aus Mitgefühl und Überheblichkeit, fühle ich mich auch wahrgenommen, wenn ich mich als orgasmusunfähig oute.

Als ich so um die zwanzig war (also vor über zehn Jahren), suchte ich öfter mit anderen jungen Frauen darüber das Gespräch. Eine sagte: „Nie einen Orgasmus? So könnte ich nicht leben.“ Eine andere: „Dein armer Freund.“ Die meisten gaben mir den nett gemeinten Tipp, es mal mit Selbstbefriedigung zu versuchen. Wie ich auch hier beschreibe, begann ich damit mit ungefähr zwölf Jahren, und hatte schon allerhand ausprobiert (wer ein bisschen Anregungen sucht, ein Blick hierein lohnt).

Eine gute Freundin sagte mir klar, dass es ihr zu peinlich sei, über dieses Thema zu sprechen. Sie hätte zwar auch lang gebraucht, um einen Weg zu finden, sich selbst zum Höhepunkt zu bringen, wolle mir aber nicht verraten, wie. Zu intim. Ich war natürlich total wild auf ihren Trick, insistierte aber nicht. Ein paar Wochen später fing sie von sich aus damit an, überwand ihre Scham. Ihre todsichere Methode: In der Badewanne, unter Wasser mit der Duschbrause. Ich war schwer enttäuscht. Natürlich hatte ich das auch schon längst ausprobiert. Es ist wirklich sehr angenehm, vielleicht sogar zu angenehm, wenn dann nicht die Krönung folgt. Dann hilft nur die kalte Dusche hinterher.

Mittlerweile spreche ich mit keinen Freundinnen mehr über das Thema. Ich glaube nicht, dass es etwas bringt und sie mir mit ihren Erfahrungen weiterhelfen können. Vor allem tue ich es nicht, weil ich nicht will, dass sie mich ansehen, wie ich die Frau in der Burka: als eine Person, die etwas falsch macht, die mit ihrem Körper nicht klar kommt, die sexuell unaufgeklärt und gehemmt ist und die in einer unerfüllten Partnerschaft lebt. Das bin ich nicht – trotz Anorgasmie.

Die 27 Sinne

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In Kurt Schwitters Gedicht „An Anna Blume“ wendet sich das lyrische Ich an die „Geliebte meiner 27 Sinne“. Und auch ich habe schon öfter darüber nachgedacht, dass es eine maßlose Untertreibung ist, wenn man behauptet, der Mensch hätte nur fünf Sinne. Auch zu den Sinnen zählen könnte man (laut Netzrecherche) den Gleichgewichtssinn, die kinästhetische Wahrnehmung („So merkt der Körper, wie seine Glieder zueinander stehen als Rückkopplung auf Bewegungen“) und die trigeminale Wahrnehmung („Der Gesichtsnerv (Trigeminus) übermittelt den Tastsinn des Gesichts, Geschmack und Geruch“).

Was ist aber mit dem Sinn, der uns sagt, wo links und rechts ist (übrigens auch eine Fähigkeit, die mir total abgeht)?

Und mit unserem Zeitempfinden? Der Dichter und Freiheitskämpfer Schubart schrieb über seine Zeit in Einzelhaft:

„Ich zählte nicht mehr Tage, sondern Stunden, und hörte oft Minuten auftreten, so leise wurde mein Gehör für die Zeit.“

Er vergleicht also die Wahrnehmung von Zeit mit dem Hörsinn. Nun könnte man argumentieren, dass es auch immer ein entsprechendes Organ geben muss, um einen veritablen Sinn als solchen zu definieren. Und für die Wahrnehmung der Zeit fällt mir gerade kein eindeutiges Organ ein.

Vehement plädiere ich dafür, das sexuelle Empfinden in den freudigen Reigen der Sinne aufzunehmen. Das obligate Organ wäre ja auch vorhanden. Ich denke sogar, dass dieser sexuelle Sinn ganz wesentlich ist und den anerkannten Sinnen in nichts nachsteht. Denn ist es nicht ebenso lebenswichtig, dass ich wahrnehme, ob mich jemand erregt und meinen Fortpflanzungstrieb aktiviert, wie es ist, dass ich rieche und schmecke, ob eine Speise schädlich oder nahrhaft ist? Oder dass ich höre und sehe, ob ein Feind oder ein Freund naht?

Ich frage mich, was wohl Anna Blumes Vagina signalisierte, als sie das Gedicht las und ob sie ihre Signale überhaupt wahr und ernst nahm.

Foto: Bob Jagendorf, „Beautiful Jelly Fish“, CC-Lizenz (BY 2.0)
http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/de/deed.de
Quelle: www.piqs.de