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Orgasmen sind nicht nur eine Frage der Einstellung

Oft wird primäre Anorgasmie dadurch erklärt, dass die Frau sexuell unerfahren, uninformiert oder traumatisiert sei und daher ein negatives Bild von ihrem Körper und Sexualität habe. Dass das Orgasmusempfinden ganz „harte“ körperliche Faktoren bestimmen, scheint zu banal oder zu unwichtig zu sein, um größere Aufmerksamkeit zu erfahren.

Einen anderen Weg schlägt Naomi Wolf in ihrem neuesten Buch ein. Sie beschreibt darin, dass die Intensität, mit der sie Orgasmen erlebte, nachgelassen hatte und sie sich deshalb an einen Neurologen wandte. Er diagnostizierte zu ihrem großen Erstaunen eine milde Form von Spina Bifida. Um ihre Orgasmen wieder in einstige Hochform zu bugsieren, wurde ihr eine Metallplatte in den Rücken operiert.

Ich gebe zu, ich habe das Buch selbst noch nicht gelesen, sondern nur recht kritische Rezensionen, zum Beispiel diese. Die jüngste erschien heute in einem von mir sehr geschätzten Blog http://www.thedirtynormal.com/, und zwar hier. Die sehr sexualkundige Bloggerin Emily Nagoski findet Naomi Wolfs Ursachensuche total daneben. Nicht eine wild daherkonstruierte genetische Wirbelsäulenerkrankung sei für Frau Wolfs maue Orgasmen verantwortlich, sondern, so suggeriert sie, sie könnten vielmehr auf eine Depression hindeuten.

Naomi Wolfs großes Aha-Erlebnis, nämlich dass es für einen Hammer-Orgasmus die richtig verschalteten Nervenverbindungen braucht – und nicht etwa nur die richtige Einstellung zu Sex – stellt die Bloggerin als absolute Selbstverständlichkeit hin.

So sehr mich Nagoskis Analyse überzeugt, so sehr werfe ich ihr vor, dass sie jene Sichtweise als allgemein selbstverständlich banalisiert. Ich danke Naomi Wolf, dass sie die neuronale Ebene, auf der sich ein Orgasmus abspielt, in ihrem Buch thematisiert. Es ist genau diese Ignoranz, zu der sie sich aufrichtigerweise selbst bekennt, die mich so annervt: Man ignoriert die biologischen und physiologischen Vorgänge, die für einen gelungenen Orgasmus ablaufen müssen und packt sie in eine „Frauen sind halt so komplex“-Phrase. Wenn eine Frau nicht kommen kann, dann werden nicht diese Vorgänge untersucht, sondern sie steht sofort unter dem Verdacht, prüde, frigide, verklemmt, oder einfach noch nicht von dem Richtigen durchgenommen worden zu sein. Ein Fall für die Couch – oder für die Motorhaube.

Und Emily Nagoski tappt selbst in diese Falle: Anstatt die medizinische Ursache für Naomi Wolfs Orgasmusflaute anzuerkennen, dichtet sie ihr eine Depression an und schiebt sie in die Psycho-Ecke.

Da möchte ich nicht auch landen.

Die Frau in der Burka

Vor Kurzem im Ikea: Ich war gerade total in die Vorstellung versunken, wie dieser Couchtisch wohl in meinem Wohnzimmer aussehen würde, da sah ich im Augenwinkel eine unheimliche Gestalt. Ich fuhr herum. Ein maskierter Räuber! Nein, doch nicht. Nur eine Frau in einer Burka. Genauer gesagt, mit einem Niqab vor dem Gesicht. Die Arme, dachte ich. Wird bestimmt voll unterdrückt von ihrem Mann. Und jetzt signalisiere ich ihr mit meiner abrupten Pirouette auch noch, wie abschreckend ihre Erscheinung wirkt. Ein paar Minuten später sah ich sie dann mit ihrem Mann über ein Möbelstück diskutieren. Von einem Sessel mit einem putzigen Namen aus beobachtete ich die Körpersprache des Paares. Von Unterdrückung keine Anzeichen.

So ähnlich, wie ich die Frau in der Burka wahrnahm, mit einer Mischung aus Mitgefühl und Überheblichkeit, fühle ich mich auch wahrgenommen, wenn ich mich als orgasmusunfähig oute.

Als ich so um die zwanzig war (also vor über zehn Jahren), suchte ich öfter mit anderen jungen Frauen darüber das Gespräch. Eine sagte: „Nie einen Orgasmus? So könnte ich nicht leben.“ Eine andere: „Dein armer Freund.“ Die meisten gaben mir den nett gemeinten Tipp, es mal mit Selbstbefriedigung zu versuchen. Wie ich auch hier beschreibe, begann ich damit mit ungefähr zwölf Jahren, und hatte schon allerhand ausprobiert (wer ein bisschen Anregungen sucht, ein Blick hierein lohnt).

Eine gute Freundin sagte mir klar, dass es ihr zu peinlich sei, über dieses Thema zu sprechen. Sie hätte zwar auch lang gebraucht, um einen Weg zu finden, sich selbst zum Höhepunkt zu bringen, wolle mir aber nicht verraten, wie. Zu intim. Ich war natürlich total wild auf ihren Trick, insistierte aber nicht. Ein paar Wochen später fing sie von sich aus damit an, überwand ihre Scham. Ihre todsichere Methode: In der Badewanne, unter Wasser mit der Duschbrause. Ich war schwer enttäuscht. Natürlich hatte ich das auch schon längst ausprobiert. Es ist wirklich sehr angenehm, vielleicht sogar zu angenehm, wenn dann nicht die Krönung folgt. Dann hilft nur die kalte Dusche hinterher.

Mittlerweile spreche ich mit keinen Freundinnen mehr über das Thema. Ich glaube nicht, dass es etwas bringt und sie mir mit ihren Erfahrungen weiterhelfen können. Vor allem tue ich es nicht, weil ich nicht will, dass sie mich ansehen, wie ich die Frau in der Burka: als eine Person, die etwas falsch macht, die mit ihrem Körper nicht klar kommt, die sexuell unaufgeklärt und gehemmt ist und die in einer unerfüllten Partnerschaft lebt. Das bin ich nicht – trotz Anorgasmie.

Ne- und Urologen

Sexualmediziner sind oft auch Urologen. Und da meine Frauenärztin mich wegen primärer Anorgasmie zum Sexualmediziner überwiesen hat, bin ich schließlich in einer Praxis für Urologie gelandet. Der Urologe hatte volles Haar und blaue Augen. Als ich ihm von dem Grund meiner Konsultation erzählte, zuckte er bedauernd mit den Schultern. Die Praxis würde das nicht mehr behandeln. Seine Kollegin hätte früher Sexualtherapien durchgeführt und das stehe immer noch so auf der Website, entspreche aber nicht mehr dem aktuellen Stand. Wenn Männer mit Anorgasmieproblemen zu ihm kämen, schicke er sie zu einem Neurologen, einem Spezialisten für Psychosomatik. Er schrieb mir seine Adresse auf.

Was die Männer dann gegen ihre Anorgasmie verschrieben bekämen, wollte ich wissen.

„Ein spezielles Masturbationstraining“, erklärte der blauäugige Urologe. In einem anderen Zusammenhang hätte mich das wohl schmunzeln lassen. Männer, die das Masturbieren lernen müssen – sowas gibt es also auch. Und wohl gar nicht mal wenige.

Komm auf den Flokati, Kleiner!

„Das Sexleben der meisten Menschen ist gar nicht so, wie Sie vielleicht denken und wie die Medien es darstellen,“ sagte meine Frauenärztin, „sehr viele Frauen erzählen mir, dass sie mit dem Sex in ihrer Beziehung unzufrieden sind.“

Ja, ich weiß. Mit meiner Anorgasmie bin ich vielleicht in der Minderheit, nicht aber mit meiner Suche nach neuem sexuellem Glück. Allein die unendliche Flut von Beiträgen in mehr oder minder lesenswerten Frauenzeitschriften zeugt von einem gewissen Notstand. Da werden die besten Tipps für ein aufregenderes Liebesleben versprochen – vom Kochrezept bis zur Beckenbodenübung. Und auch aus den Gesprächen mit meinen Freundinnen höre ich, dass sie nicht jeden Abend mit Schaum vor dem Mund ihr Sweetheart auf den Flokati zerren. „So ist das eben in einer langen Beziehung,“ heißt es lakonisch.

Und das ist vielleicht auch gar nicht schlimm. Man braucht den Sex in den ersten Monaten und Jahren, damit aus zwei Fremden Partner werden, die das abenteuerlichste Projekt überhaupt wagen: eine romantische Beziehung. Wenn die Fremdheit überwunden ist und man durch die körperliche Nähe eine unsichtbare Verbindung zu einander geschaffen hat, treten vielleicht andere Bedürfnisse in den Vordergrund. Und der Sex trottelt etwas schlaksig nebenher.

Den ersten Sex mit einem neuen Partner empfand ich immer als einen Moment großartiger Magie, die ich sonst in meinem Leben kaum fand. Das Zittern, das seinen Körper ergreift bei dem Anblick meines nackten Körpers. Wie sich seine Fingerspitzen auf meiner Haut anfühlen, sein Blick auf meinen Brüsten, zum ersten Mal. „Du bist schön.“

Sex in einer langjährigen Beziehung ist anders. Wir sind uns vertraut. Ich weiß, wie ich ihn bespiele und er weiß, was ich mag. Verglichen mit den ersten Malen fühlt sich der Sex für mich – nicht immer, aber oft – wie ein Abklatsch an. Wie der verzweifelte Versuch etwas aus der Versenkung zu holen, was eben für immer versunken ist.

Es gibt andere Dinge, die nun den Zauber heraufbeschwören, der früher fast automatisch den Raum betrat, sobald wir uns auszogen. Es sind unbestimmbare Reize, die mich umwerfen – eine kluge Bemerkung, ein verschmitztes Lächeln, ein Gedanke, den wir zeitgleich äußern, seine Verlegenheit, wenn ich traurig bin. Und nicht zuletzt die Gesten seiner Liebe zu unserem Kind.

Ich weiß nicht, ob es klug ist, sich der Erkenntnis zu ergeben, dass der Sex in einer langjährigen Partnerschaft nicht mehr so heiß  wie der eines frisch verliebten Paares ist. Es zu akzeptieren, sich zurückzulehnen und sich an den anderen Dingen zu erfreuen. Oder ob das eigentlich nur eine Ausrede ist, weil wir nicht in der Lage sind, eine neue Ebene der Erotik zu erreichen, die es mit dem Zauber des Anfangs wirklich aufnehmen kann.

Die Aussagen der Frauen – ich lass die Männer nun mal außen vor -, die problemlos Orgasmen durch Eigeninitiative oder den Sexualpartner bekommen, schwanken m. E. ständig zwischen Mitleid (hach, Du Ärmste, bekommste keinen?) und Herablassung (Du ahnst ja gar nicht, was Dir da entgeht), gerne noch gepaart mit Anweisungen, doch mal diese oder jene Stellung auszuprobieren oder sich mehr anzustrengen, dann würde es doch todsicher klappen. Und vor allem, gaaaanz wichtig, das Fallenlassen müsse doch geübt werden und wenn man keinen Orgasmus bekommt, dann deutet das umgehend darauf hin, dass in der Beziehung etwas nicht stimmt, man dem Mann entweder nicht vertraue oder jener ein egoistisches Schwein und man selber damit zufolge ein armes Hascherl ist.

DAS stört mich.

Die einen können es, die anderen nicht. Vielleicht können sie es irgendwann, aber vermutlich eher nicht, wenn sie dem nachjagen, denn Orgasmen sind NICHTS, was durch stupides Üben zustande kommt.

Ich stell mir das ähnlich vor, wie wenn ein Paar sich bemüht ein Kind zu zeugen, die fruchtbaren Tage und Stunden der Frau exakt berechnet und immer dann ran muss, wenn sie gerade besonders fruchtbar ist. Ständig dieses Ziel vor Augen zu haben dürfte sich äußerst hemmend und abtörnend auswirken.

So geht es mir und meinen sich nicht einstellenden Orgasmen, denen ich seit geraumer Zeit nicht mehr hinterherjage und seitdem das Leben und meine Sexualität wesentlich mehr genieße – weil mir nichts (mehr) fehlt.

Ein wunderbares Statement, gefunden im Internetforum der Brigitte: http://bfriends.brigitte.de/foren/sex-und-verhuetung/20882-wie-wichtig-ist-der-orgasmus-der-frau-11.html#post612363

 

Anorgasten aller Länder, vereinigt euch!

Als ich dieses Blog begann, ritt mich die Vorstellung, meine individuelle Sichtweise auf Anorgasmie – jenseits der Lehrmeinungen – nach und nach zu entfalten. Ich wollte zeigen, dass Anorgasmie nicht eine Störung ist, an der nur unaufgeklärte, „verklemmte“ oder sexuell traumatisierte Frauen aufgrund ihrer (zum größten Teil) selbst verschuldeten sexuellen Inkompetenz leiden. Ich wollte dafür eintreten, Anorgasmie wertfrei als Laune der Natur zu betrachten. Als körperlichen Makel, den man akzeptieren und mit dem man sehr gut leben kann.

Nun, nur einen Monat später, überkommen mich die Zweifel. Vielleicht bin ich doch einfach gestört und sollte das endlich mal zugeben. Vielleicht bin ich wirklich zu ängstlich für „den kleinen Tod“, wie die Fachliteratur erwägt. Vielleicht muss ich doch meine schwierige Kindheit aufarbeiten. Lernen, mich fallen zu lassen. Oder vielleicht bin ich – wie eine Kommentatorin suggerierte – asexuell.

Wenn ich Blogs lese von Autisten, Schwerhörigen oder dissoziativen Persönlichkeiten spüre ich die positiven Vibes aus den Kommentaren, die sagen, „Mir geht es auch so, Du bist gar nicht so wunderlich, wie die anderen Dich glauben machen wollen.“ Ich wünsche mir auch solchen Auftrieb von Menschen, die verstehen, wie ich mich fühle mit meinem Makel (oder mit meiner Besonderheit, je nachdem).

Ich möchte ein bisschen mehr Selbsthilfegruppe-Feeling. Sonst noch wer?

Foto: diver, "Organisiertes Chaos"
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Quelle: www.piqs.de

Schönen Gruß an Herrn Freud

Ich träumte vom Ende der Welt. Es war ein sehr realer Traum. Ich stand mit meinem Vater auf dem Treppenpodest vor meinem Elternhaus. Wir sahen in die Ferne. Vor uns lag eine Häuserzeile, dahinter standen hohe Bäume und an der Linie zwischen Himmel und Bäumen sahen wir plötzlich Wellen auf uns zu rollen. Mächtige Wellen. Irgendwie wusste ich, dass dies das Ende der Welt war und wir uns ins Haus zurückziehen und alles verrammeln müssten. Ich alarmierte meine Familienmitglieder. Plötzlich fiel mich eine sehr große schwarze Katze an. Sie biss mir in die Hand und hielt einen meiner Finger mit ihren Kiefern umklammert. Ich versuchte, sie von mir weg zu schlagen und rief um Hilfe. Ich spürte ihren langen, sehnigen Körper und ihr weiches Fell. Ihre Umklammerung ließ nicht los. Die anderen standen um mich herum wie erstarrt. Schließlich nahm jemand die Katze weg und ich blickte auf meinen Handrücken, auf dem langsam das Blut durch die Poren meiner Haut hervortrat.

Ich träumte dies, nachdem ich vorige Woche zu meiner neuen Frauenärztin gesagt hatte „Ich kann nicht kommen, was soll ich tun?“ und mich – auf ihren Rat hin – intensiv mit dem Gedanken befasste, eine Sexualtherapie zu machen.

Anorgasmie macht arm

Nun habe ich es hinter mir. Zum vierten Mal in 13 Jahren habe ich mit einer Frauenärztin über meine Anorgasmie gesprochen. Das desaströse erste Mal habe ich ja schon hier beschrieben. Nun hat mir die Frauenärztin ohne lange Nachfragen den Namen eines Spezialisten genannt und eine Überweisung zum Sexualmediziner mitgegeben.

Ein Blick auf die Website dieses Spezialisten ergab, dass er kein Sexualmediziner, sondern Psychologe ist. Ein weiterer Klick zeigte, dass nicht die Krankenkasse – wie meine Frauenärztin glaubte – sondern ich selbst die Kosten für die Behandlung tragen muss. Ein erster Beratungstermin kostet schlappe 100 Euro.

Ein weiterer Blick in die Ärztedatenbank ergab, dass es in Berlin überhaupt nur drei Sexualmediziner gibt. Auch sie bieten Behandlungen von Anorgasmie an, die man allerdings auch privat bezahlen muss.

Ich bin gerade so in der Lage, das finanziell zu stemmen. Vor wenigen Jahren hätte ich das Geld ganz einfach nicht gehabt. Sicher wären die ein- bis zweitausend Euro in ein neues Leben voller orgasmischer Höhepunkte nicht schlecht investiert. Vorausgesetzt, diese Therapie hält, was sie verspricht.

Meine Freundin Vagina

Black catVor ein paar Tagen im Flugzeug bot mir die Stewardess die „Freundin“ an. Eines der Titelthemen: „Die Vagina“ – da konnte ich unmöglich ablehnen und meinen García Márquez weiter lesen. Sicher war das eine Perle des investigativen Journalismus, die mich da erwartete. Noch vor dem Start vertiefte ich mich in die Illustrierte. Unter der Überschrift „Ich hier oben – die da unten“ beschreibt die Autorin Katharina Langefeldt die Sprachlosigkeit, die viele Frauen – trotz aller Aufklärung – befällt, wenn es um ihr bestes Stück geht. Im zweiten Teil erzählt sie den Lebenslauf ihrer Vagina. Um es gleich vorwegzunehmen – sie hat keine besonders aufregende Vita. Der Reiz der Lektüre liegt in der ungeschminkten Aufrichtigkeit, mit der die Autorin schreibt. Die Vagina musste ertragen, mit Tampons traktiert, von einer unsensiblen Frauenärztin untersucht und beim Masturbieren lange Zeit vernachlässigt zu werden. Der erste Sex war lau und so richtig „geschunden“ wurde die Vagina dann bei der Geburt des ersten Kindes. Diese Erfahrung war es, die die Autorin und ihre Vagina mehr in Einklang miteinander brachte. Allerdings herrschte auch vorher keine Zwietracht – eher ein Nichts-so-recht-miteinander-anfangen-können.

Was habe ich bei der Lektüre gelernt? Vielleicht, dass mein Verhältnis zu meiner Vagina – verglichen mit dem, was die Autorin beschreibt – doch ganz gut und vertraut ist.

Anders als sie hatte ich nie Probleme mit Tampons oder bei vaginalen Untersuchungen. Die Autorin erfuhr erst mit zehn Jahren, woher die kleinen Babys kommen. Ich Schlaumeierin wusste das schon vor meiner Einschulung und diskutierte mit meiner Nachbarsfreundin, ob das Ei einer Frau tatsächlich blau sei oder ob das nur in dem Bio-Buch meiner großen Schwester so dargestellt war. Mit zehn Jahren las ich regelmäßig die Dr. Sommer Seite in der BRAVO. Mein erstes sexuelles Vagina-Erlebnis (oder war es eigebtlich eher ein Vulva-Erlebnis?) hatte ich mit 12. Da übernachtete ich bei meiner besten Freundin T., die sich neben mir mit einer Barbiepuppe selbst befriedigte. Nach einigen Minuten Hin- und Hergeruckel unter der Bettdeckte teilte sie mir ganz lapidar mit, dass sie gleich komme. Eine Ansage, die ich bis heute nicht das Glück hatte, zu machen. Klar fand ich das damals cool und aufregend. Am nächsten Tag probierte ich es zu Hause auch – allerdings ohne Barbiepuppe und ohne zu kommen. Das beunruhigte mich zu dem Zeitpunkt noch nicht die Bohne. Ich fühlte mich erwachsen und auch ein bisschen verrucht.

An meine ersten Selbsterkundigungen kann ich mich gut erinnern, nachts vor dem Einschlafen, mit Kuschelrock-Musik aus dem Cassettenrekorder. Ich sprach mit meiner Freundin viel und offen über Sex und Jungs und über die Veränderungen, die unser Körper durchlief. Es war wohl unser Lieblingsthema. Wir lasen die einschlägigen Zeitschriften und tauschten uns in unserer Mädchen-Clique aus und später, so mit 14, 15, auch mit den Jungs aus unserer Klasse, die wir zu unseren „Kumpel“ auserkoren hatten.

So kann ich nur müde gähnen, wenn ich den dritten Teil der Vagina-Reports in der „Freundin“ lese: „Wissen bedeutet mehr Lust“. Es ist ein Interview mit einer Sexualtherapeutin, die dazu ermutigt, sich intensiver mit seiner Vagina zu beschäftigen. Über zwanzig Jahre sind vergangen, seitdem ich meine Vagina zum ersten Mal lustvoll berührte. Ich behaupte schon, sie zu kennen und gern zu haben. Was soll ich noch mit ihr anstellen, um zu mehr Lust zu kommen? Mir hat es sicher geholfen und natürlich auch Spaß gemacht, meine besonderen Hotspots ausfindig zu machen. Aber anorgasmisch bin ich trotzdem. Es wäre schön, zu wissen warum.

Foto: Pedro Semões, "Black cat"
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Quelle: www.piqs.de

Die 27 Sinne

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In Kurt Schwitters Gedicht „An Anna Blume“ wendet sich das lyrische Ich an die „Geliebte meiner 27 Sinne“. Und auch ich habe schon öfter darüber nachgedacht, dass es eine maßlose Untertreibung ist, wenn man behauptet, der Mensch hätte nur fünf Sinne. Auch zu den Sinnen zählen könnte man (laut Netzrecherche) den Gleichgewichtssinn, die kinästhetische Wahrnehmung („So merkt der Körper, wie seine Glieder zueinander stehen als Rückkopplung auf Bewegungen“) und die trigeminale Wahrnehmung („Der Gesichtsnerv (Trigeminus) übermittelt den Tastsinn des Gesichts, Geschmack und Geruch“).

Was ist aber mit dem Sinn, der uns sagt, wo links und rechts ist (übrigens auch eine Fähigkeit, die mir total abgeht)?

Und mit unserem Zeitempfinden? Der Dichter und Freiheitskämpfer Schubart schrieb über seine Zeit in Einzelhaft:

„Ich zählte nicht mehr Tage, sondern Stunden, und hörte oft Minuten auftreten, so leise wurde mein Gehör für die Zeit.“

Er vergleicht also die Wahrnehmung von Zeit mit dem Hörsinn. Nun könnte man argumentieren, dass es auch immer ein entsprechendes Organ geben muss, um einen veritablen Sinn als solchen zu definieren. Und für die Wahrnehmung der Zeit fällt mir gerade kein eindeutiges Organ ein.

Vehement plädiere ich dafür, das sexuelle Empfinden in den freudigen Reigen der Sinne aufzunehmen. Das obligate Organ wäre ja auch vorhanden. Ich denke sogar, dass dieser sexuelle Sinn ganz wesentlich ist und den anerkannten Sinnen in nichts nachsteht. Denn ist es nicht ebenso lebenswichtig, dass ich wahrnehme, ob mich jemand erregt und meinen Fortpflanzungstrieb aktiviert, wie es ist, dass ich rieche und schmecke, ob eine Speise schädlich oder nahrhaft ist? Oder dass ich höre und sehe, ob ein Feind oder ein Freund naht?

Ich frage mich, was wohl Anna Blumes Vagina signalisierte, als sie das Gedicht las und ob sie ihre Signale überhaupt wahr und ernst nahm.

Foto: Bob Jagendorf, „Beautiful Jelly Fish“, CC-Lizenz (BY 2.0)
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Quelle: www.piqs.de