Körperarbeit – erste Lektion

Ich weiß nicht, mit welchem Anliegen die Menschen üblicherweise mit prozessorientierter Körperarbeit beginnen. Vielleicht wollen sie lernen, souveräner aufzutreten, um im Beruf mehr Erfolg zu haben oder bei anderen besser anzukommen. Oder sie möchten ihre Nackenverspannungen lösen. Viele sehnen sich vielleicht einfach nach mehr Wohlbefinden in ihrem Körper. Ich sagte meiner „Körperlehrerin“, dass ich zu ihr gekommen war, weil ich mir einen Orgasmus wünsche.

Von Körperarbeit hatte ich noch nie gehört, bis ich vor ein paar Tagen einen Flyer im Supermarkt fand. Darauf stand:

Körperarbeit macht Ihnen Ihre Verhaltensmuster bewusst. Sie erkennen, wie Ihnen manche von diesen Mustern im Weg stehen und Sie davon abhalten, im Leben das zu erreichen, was Sie sich wünschen.

Spontan fühlte ich mich angesprochen. Es leuchtete mir ein, dass ich über Veränderungen an meinem Körper und an eingefahrenen Bewegungsabläufen auch mein sexuelles Erleben verändern kann. Als ich an demselben Tag zufälligerweise auch an dieser „Körperpraxis“ vorbeikam, von der der Flyer stammte, vereinbarte ich gleich einen Termin.

Die „Körperlehrerin“ machte ein professionell neutrales Gesicht, als ich ihr von meinem speziellen Anliegen erzählte. Ganz klar kannte sie sich mit Anorgasmie nicht aus. Sie stellte allerhand Fragen: ob ich mich schön fände, nach meinen ersten sexuellen Erfahrungen, meiner Religion, meinem Mann. Sie wollte wissen, ob wir denn schon verschiedene Sachen ausprobiert und es auch mehrmals hintereinander gemacht hätten. Ich musste grinsen. Wenn sie wüsste, was ich schon mit den unterschiedlichsten Männern durch hatte … Nein, es liegt nicht an Techniken oder Frequenz, es ist etwas in mir, erklärte ich ihr. Ich stehe mir selbst im Weg, weil ich, anstatt meine Erregung und Lust zu genießen, mich auf den Höhepunkt versteife und auf meine Enttäuschung darüber, dass ich ihn wieder nicht erreiche.

Das verstand sie. „Du musst einfach Deinen Kopf leer machen. Du musst von Deinem Kopf weiter nach unten, dahin wo Du fühlst.“

Nach dem Gespräch schaute sie sich meinen Körper an. Zuerst meine Füße, dann meine Haltung insgesamt, meinen Bauch, meinen Rücken, Nacken und Schultern, den Kieferbereich. Sie fand Verspannungen auf der rechten Seite und massierte. Es tat gut.

Und der schönste Augenblick: Während ich mit einer Wolldecke zugedeckt auf der Massageliege ausruhte, die Augen geschlossen, knipste sie die Lampe in der Ecke aus und verließ den Raum. Dieses Ausknipsen einer Lampe klang so urvertraut und wohltuend. Es erinnerte mich an meine Kindheit, wenn meine Mutter mich ins Bett gebracht hatte und ich ganz sachte in den Schlaf glitt. Ich fühlte mich geborgen und umsorgt. Dieses Gefühl hatte ich schon lang vergessen.

Filmstill aus Hung

Die Szene, die auf dem Filmstill dargestellt ist, kenne ich. Eine schöne, sinnlich wirkende Frau, die sich wie ein Eisklotz fühlt. Der Mann ist geil, zieht das ganze Register, aber er kann sie nicht verführen. Sie hat einfach keine Lust. Je mehr er sich anstrengt, desto mehr leidet sie unter ihrer Lustlosigkeit. Sie fragt sich, was ihr fehlt, warum sie nicht so genießen kann wie er. Warum sie jetzt lieber die Waschmaschine ausräumen würde als mit ihm zu schlafen. Sie hat ihre Lust verloren und weiß nicht, wo.

Dieses ganze Sextherapeuten-Ding …

Vor vier Monaten hatte ich diese Probestunde bei einem Sexualtherapeuten, nach der ich mir in Ruhe überlegen sollte, ob ich bei ihm eine Paartherapie beginnen möchte, um dann vielleicht irgendwann einmal einen Orgasmus zu erleben. Ich habe mir wohl genug Zeit genommen, um schließlich festzustellen: That’s not who I am.

Ich sehe mich einfach nicht mit meinem Mann auf dieser Couch sitzen, wie wir einem Therapeuten über unser Liebesleben sprechen. Dafür ist mir unsere Intimität zu heilig. Ich habe Angst, dass sie dann zu einem Therapie-Gegenstand wird – wie ein Patient, der in einem komischen Flatterhemd auf einem Untersuchungsbank sitzt und darauf wartet, abgehört und abgeklopft zu werden. Das will ich unserer Sexualität nicht antun. Ich möchte sie nicht in das kalte Licht der Diagnostikleuchte zerren.

Dann soll sie lieber weiter vor sich hin dämmern.

Bin ich zu bequem für einen Orgasmus?

Es ist nun bald einen Monat her, dass ich beim „Schnuppertermin“ für eine Sexualtherapie war. Der gute Dr. Love erklärte mir dabei, dass ich mir meine Vorstellung von einem Geheimrezept mit Orgasmustherapie abschminken könnte. Kommen oder nicht zu kommen, würde wohl bis zu meinem Lebensende ein wunder Punkt für mich bleiben. Versprechen könnte er mir aber, auf eine tiefere Ebene der Sexualität zu gelangen. Voraussetzung dafür sei allerdings, dass mein Sexualpartner zu den Sitzungen mitkommt. Dr. Love werde den Finger in die Wunde legen und so einiges aus unserer Partnerschaft hinterfragen. Er würde da herumbohren, wo es weh tut – wie ein Zahnarzt.

Es ist für mich und meinen Mann gar nicht so einfach, unter der Woche tagsüber zwei Stunden irgendwo als Paar zu erscheinen: Entweder arbeiten wir oder wir müssen uns um unsere Lütte kümmern. Außerdem bin ich mir nicht so sicher, ob ich so eine Paartherapie mit Kopfstress, schwierigen Gesprächen und Problemwälzerei momentan auf mich nehmen möchte. Da bleibe ich doch lieber anorgastisch und habe dafür aber ein kuscheliges, harmonisches Zuhause.

Oder sind das alles faule Ausreden?

Die Frau kontrolliert ihren Sex, weil sie für Sex all das bekommt, was ihr noch wichtiger ist als Sex.

Esther Vilar