Archiv der Kategorie: Liebe und Leben

„Es gibt für Frauen auch tollen Sex ohne einen Orgasmus“

Den Satz, der die Überschrift bildet, las ich in dem Blog Der Anna Code. Dort bekommen Männer auf der Suche nach Verführungs-Tipps einigen Input.

In einem durchaus empfehlenswerten Post gibt der Autor eine Anleitung, wie man Frauen zum Höhepunkt bringt. Er räumt dabei jedoch ein – und dafür lobe ich ihn ganz ausdrücklich – , dass es auch Frauen mit Orgamusproblemen gibt und widmet ihnen immerhin drei Abschnitte. Darin schreibt er:

„Wenn du merkst, die Frau kommt nicht zum Orgasmus, dann hör auf, sie wund zu scheuern, es gibt für Frauen auch tollen Sex, ohne einen Orgasmus zu bekommen.“

Diesen Satz hätte ich nie so formuliert, und doch spricht er mir wirklich aus dem Herzen. Ich habe jenes sicher gut gemeinte „Wundscheuern“, das ausdauernde Manifestieren von Stehvermögen, mit dem ein oder anderen Sex-Partner erlebt. Natürlich ist es dann an der Frau, klar zu signalisieren, wann es gewünscht ist, dass der andere einfach mal kommt. Und in vielen Momenten war das Spüren des Anderen, der in mir vollkommen aufgeht in seiner Lust, ebenfalls ein tolles Gefühl. Ich nenne es den empathischen Orgasmus.

Wie wär’s mit einer elektrischen Vagina?

Schalter

Vor kurzem stieß ich auf den Blog Not quite like Beethoven, in dem es um Schwerhörigkeit geht. NqlB beschreibt in einem Blogeintrag sein Ringen mit der Frage, ob er sich ein elektrisches Ohr, also ein Cochlea Implantat, einoperieren lassen sollte. Dafür spräche, dass er damit wieder einfacher mit anderen Menschen kommunizieren könnte. Jedoch wäre es ein Zugeständnis an die Perfektionierung des Körpers durch die Hightech-Medizin (verkürzt ausgedrückt, ich empfehle die Originallektüre). Er befürchtet, dass ihm sein Körper durch das Einsetzen eines solchen Implantats entfremdet würde.

Ich habe mich nach dem Lesen seines Posts und der knapp 70 Kommentare gefragt, was wäre, wenn mir ein Arzt vorschlüge, mir eine elektrische Klitoris zu implantieren. Batteriebetrieben und daher nicht immer einsatzbereit, dafür aber – bei adäquatem Gebrauch und regelmäßiger Wartung – mit Orgasmusgarantie.

NqlB entschließt sich schlussendlich doch für das Implantat und bezeichnet sich selbst damit – nicht ganz ohne Ironie – als Cyborg: teils Mensch, teils Maschine.

Wie wäre es also, wenn ich diesen urmenschlichen Akt – mit meinem Partner körperlich eins werden und dabei in allerhöchste Verzückung geraten – mit Hilfe einer Hightech-Klitoris endlich erleben könnte? Würde ich das wollen?  – Eher nicht. Denn ich hätte das Gefühl, dass es eben nicht meine Lust ist, die da zum Höhepunkt kommt. Sondern lediglich, dass ein elektrischer Mechanismus funktioniert. Den Orgasmus stelle ich mir als etwas Metaphysisches vor, das keine Maschine produzieren kann. Lieber entbehre ich ihn, als dass ich mich einer solchen Gauklerei ergeben würde.

Andererseits: NqlB beschreibt, dass ihm nicht der Hörverlust an sich so zu schaffen macht, sondern die Abschirmung von den Menschen, die damit einhergeht. Auch für mich bedeutet die Unfähigkeit, Sex ebenso zu genießen wie mein Partner, in gewisser Weise Isolation und Einsamkeit. Vielleicht würde ich – auch meinem Partner zuliebe – daher doch einer elektrischen Vagina zustimmen. Und es vielleicht, wie NqlB, noch nicht einmal bereuen.

Foto: Kevin Dooley, „Thingamagoop 2 from Bleep Labs“
Some rights reserved.
Quelle: www.piqs.de

Darf’s ein bisschen mehr Testosteron sein? Oder wurden Sie vielleicht missbraucht?

Ich war so ungefähr 19 oder 20 Jahre alt, als ich zum ersten Mal mit einem Frauenarzt darüber sprach, dass ich nicht zum Orgasmus komme. Der Arzt kannte mich nicht besonders gut. Seine erste Frage war: „Haben Sie einen älteren Bruder?“ Ich bejahte. „Können Sie sich daran erinnern, dass er sie sexuell missbraucht hat?“

Ich habe und hatte großen Respekt vor dem Arztberuf. Damals dachte ich, wenn der Arzt diesen Verdacht so rasch und so offen aussprach, müsste etwas dran sein. Sowas haut man nicht einfach raus. Natürlich war ich total schockiert. Ich habe einen 7 Jahre älteren Bruder. Dass er sich an mir vergangen hätte, war aber schon eine extrem abwegige Vorstellung.

Das sagte ich dem Arzt, der dann allgemeine Phrasen drosch von sexuellem Missbrauch, der am häufigsten im Familienkreis auftrete, von Traumatisierung und Gedächtnisverlust. Ich glaube, ich saß einfach nur heulend da.

Schließlich verschrieb er mir – ohne irgendwelche Hormontests durchzuführen – Testosteron. Ich ging mit dem Rezept zur Apotheke und erhielt ein frisch angerührtes Tiegelchen mit testosteronhaltiger Vaseline. Die schmierte ich mir täglich auf die Innenseite der Oberschenkel. Das Ganze kam mir recht unnütz vor und ich vermutete ein Placebo-Präparat. Heute hätte ich sofort eine Google-Suche gestartet und herausgefunden, dass man Testosteroncremes Frauen in der Menopause verschreibt, die über Libidoverlust klagen.

Als ich meinem damaligen Freund von der Creme erzählte, nahm er’s mit Humor. Er wachte wohl jeden Tag mit der Erwartung auf, dass mir über Nacht ein Schnurrbart gewachsen wäre. Oder dass ich ihn beim Sprint zum Bus überholen würde. Dies trat nicht ein. Auch meine Libido zeigte sich von der Testosteron-Schmiererei recht unbeeindruckt.

Dafür hat mich der Arzt mit seinem Missbrauchs-Verdacht – gelinde gesagt – nachhaltig verunsichert. Ich grübelte Jahre lang immer wieder, ob ich nicht doch ein traumatisches Erlebnis hatte, das ich vollkommen verdrängt hatte (heute halte ich das für Unsinn).

Ich habe seine Praxis nie wieder betreten. Ich denke, der Frauenarzt handelte verantwortungslos. Anstatt mich zu beruhigen, vermittelte er mir, mir sei etwas Schreckliches passiert, ich trüge ein dunkles Geheimnis in mir, das noch nicht einmal ich selbst verstand. Er hatte offensichtlich keine Ahnung von der Thematik und hätte mich – ohne seine unausgegorenen Gedanken zu äußern – an jemanden verweisen sollen, der sich mit sowas auskennt.

Meerjungfrauen küssen besser

Meernixe

Foto: Sali Soham, „Mermaid No 6“
Quelle: http://www.piqs.de

Vor einer Weile entwickelte ich die Theorie, dass die mythische Figur der Meerjungfrau mit ihrem weiblichen Oberkörper und ihrem Fisch-Unterleib Frauen widerspiegelt, die unfähig sind, Orgasmen zu erleben. Die Meerjungfrau verführt den Mann mit ihrer Stimme, ihrem Blick, vielleicht mit Küssen und Streicheln – mit ihrer Sinnlichkeit. Wenn es dann allerdings zur Sache geht, stellt sich heraus, dass unter ihrer Gürtellinie nur ein kalter, glatter Kegel wartet.

Dieses Bild trifft es aber doch nicht. Denn zwischen meinen Beinen ist es nicht kalt und gefühllos. Ich fühle alle Phasen der Erregung und genieße diese intensiven Gefühle durchaus. Nur jener letzte Moment, in dem sich alles in wohlige Entspannung auflöst, der bleibt aus. Ab einem bestimmten Punkt wird aus dem Crescendo ein gleichbleibender Ton, der langsam verstummt. Wenn ich frisch verliebt war, machte mir das nicht viel aus. Ich mochte den Sex auch so. Aber auf die Dauer bedeutet es Frust. Nicht zuletzt für den Partner.

Sex ohne Orgamus ist für mich, als würde man einen Leckerbissen in den Mund bekommen, kauen und schmecken, kann aber nicht herunterschlucken. Der Hunger bleibt.