Archiv der Kategorie: Frage und Forschung

„Unkenntnis ist in der Regel der Grund“

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Bei meinen Streifzügen durchs Netz stieß ich auf eine recht neue Publikation, namens „Psychosomatische Urologie„. Autor ist der Münchner Urologe Ernst-Albrecht Günthert. In seinem „Leitfaden für die Praxis“ widmet er Anorgasmie bei Männern und Frauen je ein Kapitel. Er gibt zwei Fallbeispiele von Anorgasmie bei Männern. Der Mann aus dem ersten Fall hat primäre Anorgasmie (er ist noch nie gekommen). Diese Form nennt der Autor auch „totale“ Anorgasmie (und ich denke dabei unwillkürlich an den „totalen“ Krieg, aber das mag anderen nicht so gehen). Der Mann im zweiten Beispiel hat sekundäre, also erworbene, Anorgasmie. Als Ursache für die Anorgasmie detektierte Herr Günthert bei beiden Männern eine unausgereifte Beziehung zu ihren dominanten Müttern, die in beiden Fällen die Beziehung zu ihren Partnerinnen nicht guthießen. Eine Lösung der „konfliktbehafteten Mutterbindung“ war denn auch die Lösung für die Orgasmusprobleme. So so.

Gespannt las ich weiter, was der gute Mann denn über die Ursachen von Anorgasmie bei Frauen zu schreiben wusste. Und ich erlitt eine derbe Enttäuschung:

„Häufig jedoch ist eine fehlende Verständigung der Partner Ursache einer vaginal-koitalen Anorgasmie. (…) Oft spielt auch der nicht ausreichend berücksichtigte unterschiedliche Erregungsablauf von Mann und Frau eine Rolle; Unkenntnis ist in der Regel der Grund.“

Na toll! Die Männer bekommen eine tiefenpsychologisch begründete Ursache bestätigt, die Schuld für ein Leben ohne Höhepunkte wird ihren Müttern zugeschoben. Und bei den anorgastischen Frauen hapert es einfach an Wissen und/oder klarer Kommunikation mit ihren Männern.

Mich langweilen und nerven diese kurzgreifenden Erklärungen für Anorgasmie bei Frauen. Ich fühle mich für dumm verkauft. Und meinen Partner gleich mit.

Foto: http://www.pixel-pool.net
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Filmstill aus Hung

Die Szene, die auf dem Filmstill dargestellt ist, kenne ich. Eine schöne, sinnlich wirkende Frau, die sich wie ein Eisklotz fühlt. Der Mann ist geil, zieht das ganze Register, aber er kann sie nicht verführen. Sie hat einfach keine Lust. Je mehr er sich anstrengt, desto mehr leidet sie unter ihrer Lustlosigkeit. Sie fragt sich, was ihr fehlt, warum sie nicht so genießen kann wie er. Warum sie jetzt lieber die Waschmaschine ausräumen würde als mit ihm zu schlafen. Sie hat ihre Lust verloren und weiß nicht, wo.

Viele Männer erleben Sex als einen wichtigen Grund, überhaupt eine feste Beziehung einzugehen – neben Bindungswünschen, die natürlich auch Männer haben. Wenn es dann, nach Etablierung der Beziehung keinen Sex mehr gibt, steht für sie die Beziehung infrage. Der Deal ist geplatzt – sie fühlen sich verarscht. Anders herum ist für viele Frauen Sex als Pfand für Beziehung immer noch ein häufiges, oft unbewusstes Motiv. Als Pfand, das sie gelernt haben, geben zu müssen, im Tausch für Bindung und Sicherheit. Also geben sie Sex vor allem dann, wenn die Bindung noch nicht gefestigt oder gefährdet ist.

http://www.zeit.de/2013/18/sexualitaet-therapie-christoph-joseph-ahlers/seite-1

Kann es sein, dass Herr Ahlers hier ein paar sexistische Stereotypen reproduziert?

Mit dem Sex ist es wie mit Gott

Letzte Woche war ich ja zum ersten Mal bei diesem Sextherapeuten. Der erklärte mir die Funktion von Sex so: Es geht dabei gar nicht um Lust und Befriedigung und tolle Orgasmen; sondern darum, Nähe zwischen zwei Individuen herzustellen und aufrechtzuerhalten. Miteinander zu schlafen ist wie eine Erneuerung des Versprechens: „Wir gehören zusammen.“ Aus der Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden, bedeutete in der Steinzeit, also vor noch gar nicht langer Zeit, den sicheren Tod. Und die Angst vor dem Verlassenwerden beherrscht uns immer noch, auch wenn wir heute als Singles ganz famos leben können. Sex lindert die Angst vor dem Alleinsein.

Ich ging aus dem Gespräch mit dem Gefühl, dass mein Problem vielleicht nicht mein fehlender Höhepunkt sei, sondern tatsächlich meine falsche Vorstellung vom Sex. Ich denke eigentlich, dass ich Sex habe, um Lust, Genuss und Befriedigung zu empfinden.  So ähnlich wie beim Essen. Und mich reitet – blöderweise, zugegeben – die Vorstellung, nur mit einem Orgasmus „wahren“ Sex zu haben.

Nach dem, was mir der Sextherapeut unterbreitete, denke ich: Vielleicht erklärt sich meine Lustflaute dadurch, dass ich auch ohne Sex keine Angst vor dem Alleinsein habe und auch so schon genug Nähe empfinde.

Vielleicht ist es mit Sex wie mit Gott – man braucht ihn nur in unsicheren Zeiten.

Orgasmen sind nicht nur eine Frage der Einstellung

Oft wird primäre Anorgasmie dadurch erklärt, dass die Frau sexuell unerfahren, uninformiert oder traumatisiert sei und daher ein negatives Bild von ihrem Körper und Sexualität habe. Dass das Orgasmusempfinden ganz „harte“ körperliche Faktoren bestimmen, scheint zu banal oder zu unwichtig zu sein, um größere Aufmerksamkeit zu erfahren.

Einen anderen Weg schlägt Naomi Wolf in ihrem neuesten Buch ein. Sie beschreibt darin, dass die Intensität, mit der sie Orgasmen erlebte, nachgelassen hatte und sie sich deshalb an einen Neurologen wandte. Er diagnostizierte zu ihrem großen Erstaunen eine milde Form von Spina Bifida. Um ihre Orgasmen wieder in einstige Hochform zu bugsieren, wurde ihr eine Metallplatte in den Rücken operiert.

Ich gebe zu, ich habe das Buch selbst noch nicht gelesen, sondern nur recht kritische Rezensionen, zum Beispiel diese. Die jüngste erschien heute in einem von mir sehr geschätzten Blog http://www.thedirtynormal.com/, und zwar hier. Die sehr sexualkundige Bloggerin Emily Nagoski findet Naomi Wolfs Ursachensuche total daneben. Nicht eine wild daherkonstruierte genetische Wirbelsäulenerkrankung sei für Frau Wolfs maue Orgasmen verantwortlich, sondern, so suggeriert sie, sie könnten vielmehr auf eine Depression hindeuten.

Naomi Wolfs großes Aha-Erlebnis, nämlich dass es für einen Hammer-Orgasmus die richtig verschalteten Nervenverbindungen braucht – und nicht etwa nur die richtige Einstellung zu Sex – stellt die Bloggerin als absolute Selbstverständlichkeit hin.

So sehr mich Nagoskis Analyse überzeugt, so sehr werfe ich ihr vor, dass sie jene Sichtweise als allgemein selbstverständlich banalisiert. Ich danke Naomi Wolf, dass sie die neuronale Ebene, auf der sich ein Orgasmus abspielt, in ihrem Buch thematisiert. Es ist genau diese Ignoranz, zu der sie sich aufrichtigerweise selbst bekennt, die mich so annervt: Man ignoriert die biologischen und physiologischen Vorgänge, die für einen gelungenen Orgasmus ablaufen müssen und packt sie in eine „Frauen sind halt so komplex“-Phrase. Wenn eine Frau nicht kommen kann, dann werden nicht diese Vorgänge untersucht, sondern sie steht sofort unter dem Verdacht, prüde, frigide, verklemmt, oder einfach noch nicht von dem Richtigen durchgenommen worden zu sein. Ein Fall für die Couch – oder für die Motorhaube.

Und Emily Nagoski tappt selbst in diese Falle: Anstatt die medizinische Ursache für Naomi Wolfs Orgasmusflaute anzuerkennen, dichtet sie ihr eine Depression an und schiebt sie in die Psycho-Ecke.

Da möchte ich nicht auch landen.