Archiv für den Monat März 2014

Der behinderte Geliebte

Würde jemand zu mir sagen: „Schon Deine bloße Erscheinung inspiriert mich!“, würde ich höchstwahrscheinlich rot anlaufen, so geschmeichelt wäre ich. Bislang ist das aber noch nicht vorgekommen (was nicht ist, kann ja noch werden).

Behinderte Menschen allerdings scheinen diesen Satz öfter zu hören, wie hier, hier oder hier zu lesen ist. Sie empfinden die Zuschreibung „inspirierend“ – im Gegensatz zu den meisten Normalos – als reduzierend, stereotyp und oberflächlich. Am Anfang habe ich diese Empörung nicht verstanden. Mir ist erst langsam klar geworden, dass das Bild vom behinderten Menschen mit seinem Lebensmut, seiner Zähigkeit und vielleicht auch Genügsamkeit ihm einerseits natürlich nicht gerecht wird – und andererseits allzu oft dazu herhält, ein vorwiegend nichtbehindertes Publikum von der eigenen Mittelmäßigkeit abzulenken und womöglich zu mehr Dankbarkeit und Optimismus zu inspirieren.

photo_1284_20120105_11Ich möchte erzählen, was dieses trügerische Klischee mit meinem eigenen Leben zu tun hat: Vor rund zehn Jahren hatte ich auf einer Party einen Mann kennen gelernt; seine lockere Art und wie er über seine Behinderung Witze riss, fand ich einfach umwerfend. Ich musste Tage lang an ihn denken und ließ mir schließlich von einem Bekannten seine Telefonnummer geben. Ich rief ihn an und wir trafen uns regelmäßig. Irgendwie hatte jedes Treffen einen besonderen Zauber und heute frage ich mich, inwiefern meine unbewussten Vorurteile gegenüber Behinderten zu meiner Verliebtheit beitrugen. War ich deshalb so begeistert von ihm, weil in meiner (beschränkten) Vorstellungswelt ein behinderter Mann zurückhaltend, einsam und komplexbeladen zu sein hatte, und wenn einer – so wie dieses Exemplar – vor Aufgeschlossenheit und Witz nur strotzte, ein Superhero sein musste?

Eins ist sicher: Ich war entzückt. Dabei hatten wir objektiv kaum etwas gemeinsam. Er verbrachte zum Beispiel Stunden mit Rollenspielen im Internet. Normalerweise hätte mich so ein Hobby total abgetörnt, aber ich dachte mir, mit seiner Behinderung sei es sicher nicht so leicht, rauszugehen und sich in der Menge zu tummeln; da bevorzuge man eben die virtuelle Welt. Andererseits fand ich schon Dinge, die mich bei jemand anderem nicht großartig beeindruckt hätten, „angesichts seiner körperlichen Beeinträchtigung“ bewundernswert und deutete sie als Anzeichen seiner Charakterstärke: dass er längere Zeit durch Vietnam gereist war, in einem großen Unternehmen eine verantwortungsvolle Position hatte etc. Man sieht in seiner Verliebtheit den anderen ja immer durch die rosa-rote Brille, aber ich frage mich, inwieweit ich mich auch von seiner Behinderung blenden und zu schändlicher Idolatrie hinreißen ließ.

Nach einer Weile bemerkte ich, dass seine lockere Art und die Witze über seine Behinderung (die sich ziemlich schnell wiederholten) zu einer von Klein auf erprobten Strategie gehörten, mit der er den Leuten ihre Berührungsangst nahm. Die Strategie kam mir logisch und adäquat vor, aber ich sah darin nicht mehr einen Ausdruck eines Ausnahmecharakters, dem ich mich zu Füßen werfen müsste. Es ist schwierig, meinen Sinneswandel zu beschreiben, aber die Faszination hatte sich für mich eben aufgebraucht. Ich erkannte, dass der Mann freilich über Wortwitz, Schlagfertigkeit und Selbstironie verfügte, aber sie erschienen mir antrainiert – und zwar aus einer ganz bestimmten Notwendigkeit heraus. Ich fühlte mich plötzlich sehr ernüchtert; am Ende war er doch nicht so beeindruckend, wie ich gedacht hatte …?!

Zudem begann es in mir zu rumoren, wie sehr er eigentlich mich als Menschen wollte oder mich als Nichtbehinderte, als Aushängeschild.

An dieser kritischen Stelle kann in einer Beziehung die echte Liebe anfangen. Man sieht den anderen klarer und nimmt ihn dennoch so, wie er ist. So erging es mir damals nicht, denn das, was ich sah, bot keinen gemeinsamen Boden. Wir hatten doch ziemlich verschiedene Vorstellungen von der Welt und es gab so einiges, was mich mittlerweile an ihm nervte. Schließlich trennten wir uns.

Ich kann bis heute schlecht einordnen, welche Rolle seine Behinderung für mich eigentlich gespielt hatte. Hat sie uns zusammen gebracht oder stand sie trennend zwischen uns? In einer Hinsicht habe ich sie auf jeden Fall instrumentalisiert: Ich hatte damals große Angst davor, ein banales Leben zu führen und war überzeugt, dass ein Leben mit diesem Mann niemals banal sein könnte. Sobald wir auf die Straße traten, zogen wir alle Blicke auf uns.

Es ist sogar gut möglich, dass man uns inspirierend fand.

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Ok, nun also zu dem großen Geheimnis: Wie bin ich nach Jahrzehnten endlich zu meinem Höhepunkt gekommen?

Es war am Ende meines Weihnachtsurlaubs. Ich hatte sehr entspannte Tage hinter mir, lag abends im Bett und es kribbelte zwischen meinen Beinen: Lust. Ich begann, mich zu streicheln und konzentrierte mich dabei, wie ich es in der Körperarbeit gelernt hatte, auf mein Atmen. Ich versuchte, an nichts zu denken. Nicht an irgendwelche Erledingungen, nicht an den vergangenen Tag, nicht ans Kommen. Ich war sehr erregt, aber versuchte irgendwie, nicht über meine Erregtheit nachzudenken, sondern immer weiter ruhig zu atmen. Im Kopf hatte ich plötzlich den Satz: „Ich muss keine Angst haben.“ Dabei war nicht eine Angst vor dem „Loslassen“ oder dem Orgasmus gemeint, sondern die Angst davor, nicht zu kommen und wieder frustriert zu sein und mich unfertig zu fühlen.

In der Körperarbeit hatte die Therapeutin an mir beobachtet, dass ich, immer wenn ich emotional sehr bewegt war, ganz fest in meinem Brustbereich wurde. Sie nannte es „das Brett“. Es legt sich über den Bereich ganz am Ende meines Brustbeins und fühlt sich tatsächlich an, als ob ich mich da versteinere. Meine Atmung wird dann ganz flach. Ich spürte, dass sich mit steigender Erregung dieses Brett bildet. Ich achtete darauf, locker zu bleiben und meine Atmung fließen und nicht flach werden zu lassen.

Langsam verformte sich der Gedanke „Ich muss keine Angst haben“ in einen neuen Satz: „Ich habe keine Angst.“ Ich massierte abwechselnd meine Klitoris und meinen G-Punkt. Die Innenseiten meiner Oberschenkel begannen zu zittern. Aber das hatte ich schon oft erlebt, ohne dass es dann weiterging. Auf einmal merkte ich, dass etwas aus mir herausfloss; ich wollte es aufhalten, weil ich es für Urin hielt. Dann dachte ich, ist egal, lass es fließen. Und plötzlich fühlte ich diese kleinen Vibrationen in mir drin, als sei ich ein Instrument, dessen Saiten von innen zum Schwingen gebracht werden. Nicht besonders heftig, aber dennoch erlösend und zutiefst befriedingend. Ich komme.

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Eine Welle von Glück machte sich in mir breit und auf meinem Gesicht erschien ein Grinsen, das ich dann für die nächsten Stunden nicht mehr weg bekam.

Später roch ich an der seltsamen Flüssigkeit, und der Geruch erinnerte mich eher an Muttermilch und hatte gar nichts von Urin.

Ein oder zwei Tage später versuchte ich es wieder – allein. Es klappte wie beim ersten Mal, nur waren die Vibrationen heftiger. Es floss auch wieder aus mir heraus, aber nicht mehr so stark.

Dass ich es fertig gebracht hatte, wider Erwarten zu kommen, gab mir in den folgenden Tagen ein Gefühl der Unbesiegbarkeit. Es war sehr erhebend und ich war ungeheuer stolz auf mich. Nicht mein bestandener Führerschein, mein Studienabschluss oder die Geburt meines Kindes hatte mir so ein Gefühl von absoluter Selbstbestätigung beschert.

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