Archiv für den Monat März 2013

Orgasmen sind nicht nur eine Frage der Einstellung

Oft wird primäre Anorgasmie dadurch erklärt, dass die Frau sexuell unerfahren, uninformiert oder traumatisiert sei und daher ein negatives Bild von ihrem Körper und Sexualität habe. Dass das Orgasmusempfinden ganz „harte“ körperliche Faktoren bestimmen, scheint zu banal oder zu unwichtig zu sein, um größere Aufmerksamkeit zu erfahren.

Einen anderen Weg schlägt Naomi Wolf in ihrem neuesten Buch ein. Sie beschreibt darin, dass die Intensität, mit der sie Orgasmen erlebte, nachgelassen hatte und sie sich deshalb an einen Neurologen wandte. Er diagnostizierte zu ihrem großen Erstaunen eine milde Form von Spina Bifida. Um ihre Orgasmen wieder in einstige Hochform zu bugsieren, wurde ihr eine Metallplatte in den Rücken operiert.

Ich gebe zu, ich habe das Buch selbst noch nicht gelesen, sondern nur recht kritische Rezensionen, zum Beispiel diese. Die jüngste erschien heute in einem von mir sehr geschätzten Blog http://www.thedirtynormal.com/, und zwar hier. Die sehr sexualkundige Bloggerin Emily Nagoski findet Naomi Wolfs Ursachensuche total daneben. Nicht eine wild daherkonstruierte genetische Wirbelsäulenerkrankung sei für Frau Wolfs maue Orgasmen verantwortlich, sondern, so suggeriert sie, sie könnten vielmehr auf eine Depression hindeuten.

Naomi Wolfs großes Aha-Erlebnis, nämlich dass es für einen Hammer-Orgasmus die richtig verschalteten Nervenverbindungen braucht – und nicht etwa nur die richtige Einstellung zu Sex – stellt die Bloggerin als absolute Selbstverständlichkeit hin.

So sehr mich Nagoskis Analyse überzeugt, so sehr werfe ich ihr vor, dass sie jene Sichtweise als allgemein selbstverständlich banalisiert. Ich danke Naomi Wolf, dass sie die neuronale Ebene, auf der sich ein Orgasmus abspielt, in ihrem Buch thematisiert. Es ist genau diese Ignoranz, zu der sie sich aufrichtigerweise selbst bekennt, die mich so annervt: Man ignoriert die biologischen und physiologischen Vorgänge, die für einen gelungenen Orgasmus ablaufen müssen und packt sie in eine „Frauen sind halt so komplex“-Phrase. Wenn eine Frau nicht kommen kann, dann werden nicht diese Vorgänge untersucht, sondern sie steht sofort unter dem Verdacht, prüde, frigide, verklemmt, oder einfach noch nicht von dem Richtigen durchgenommen worden zu sein. Ein Fall für die Couch – oder für die Motorhaube.

Und Emily Nagoski tappt selbst in diese Falle: Anstatt die medizinische Ursache für Naomi Wolfs Orgasmusflaute anzuerkennen, dichtet sie ihr eine Depression an und schiebt sie in die Psycho-Ecke.

Da möchte ich nicht auch landen.

Die Frau in der Burka

Vor Kurzem im Ikea: Ich war gerade total in die Vorstellung versunken, wie dieser Couchtisch wohl in meinem Wohnzimmer aussehen würde, da sah ich im Augenwinkel eine unheimliche Gestalt. Ich fuhr herum. Ein maskierter Räuber! Nein, doch nicht. Nur eine Frau in einer Burka. Genauer gesagt, mit einem Niqab vor dem Gesicht. Die Arme, dachte ich. Wird bestimmt voll unterdrückt von ihrem Mann. Und jetzt signalisiere ich ihr mit meiner abrupten Pirouette auch noch, wie abschreckend ihre Erscheinung wirkt. Ein paar Minuten später sah ich sie dann mit ihrem Mann über ein Möbelstück diskutieren. Von einem Sessel mit einem putzigen Namen aus beobachtete ich die Körpersprache des Paares. Von Unterdrückung keine Anzeichen.

So ähnlich, wie ich die Frau in der Burka wahrnahm, mit einer Mischung aus Mitgefühl und Überheblichkeit, fühle ich mich auch wahrgenommen, wenn ich mich als orgasmusunfähig oute.

Als ich so um die zwanzig war (also vor über zehn Jahren), suchte ich öfter mit anderen jungen Frauen darüber das Gespräch. Eine sagte: „Nie einen Orgasmus? So könnte ich nicht leben.“ Eine andere: „Dein armer Freund.“ Die meisten gaben mir den nett gemeinten Tipp, es mal mit Selbstbefriedigung zu versuchen. Wie ich auch hier beschreibe, begann ich damit mit ungefähr zwölf Jahren, und hatte schon allerhand ausprobiert (wer ein bisschen Anregungen sucht, ein Blick hierein lohnt).

Eine gute Freundin sagte mir klar, dass es ihr zu peinlich sei, über dieses Thema zu sprechen. Sie hätte zwar auch lang gebraucht, um einen Weg zu finden, sich selbst zum Höhepunkt zu bringen, wolle mir aber nicht verraten, wie. Zu intim. Ich war natürlich total wild auf ihren Trick, insistierte aber nicht. Ein paar Wochen später fing sie von sich aus damit an, überwand ihre Scham. Ihre todsichere Methode: In der Badewanne, unter Wasser mit der Duschbrause. Ich war schwer enttäuscht. Natürlich hatte ich das auch schon längst ausprobiert. Es ist wirklich sehr angenehm, vielleicht sogar zu angenehm, wenn dann nicht die Krönung folgt. Dann hilft nur die kalte Dusche hinterher.

Mittlerweile spreche ich mit keinen Freundinnen mehr über das Thema. Ich glaube nicht, dass es etwas bringt und sie mir mit ihren Erfahrungen weiterhelfen können. Vor allem tue ich es nicht, weil ich nicht will, dass sie mich ansehen, wie ich die Frau in der Burka: als eine Person, die etwas falsch macht, die mit ihrem Körper nicht klar kommt, die sexuell unaufgeklärt und gehemmt ist und die in einer unerfüllten Partnerschaft lebt. Das bin ich nicht – trotz Anorgasmie.