Anorgasten aller Länder, vereinigt euch!

Als ich dieses Blog begann, ritt mich die Vorstellung, meine individuelle Sichtweise auf Anorgasmie – jenseits der Lehrmeinungen – nach und nach zu entfalten. Ich wollte zeigen, dass Anorgasmie nicht eine Störung ist, an der nur unaufgeklärte, „verklemmte“ oder sexuell traumatisierte Frauen aufgrund ihrer (zum größten Teil) selbst verschuldeten sexuellen Inkompetenz leiden. Ich wollte dafür eintreten, Anorgasmie wertfrei als Laune der Natur zu betrachten. Als körperlichen Makel, den man akzeptieren und mit dem man sehr gut leben kann.

Nun, nur einen Monat später, überkommen mich die Zweifel. Vielleicht bin ich doch einfach gestört und sollte das endlich mal zugeben. Vielleicht bin ich wirklich zu ängstlich für „den kleinen Tod“, wie die Fachliteratur erwägt. Vielleicht muss ich doch meine schwierige Kindheit aufarbeiten. Lernen, mich fallen zu lassen. Oder vielleicht bin ich – wie eine Kommentatorin suggerierte – asexuell.

Wenn ich Blogs lese von Autisten, Schwerhörigen oder dissoziativen Persönlichkeiten spüre ich die positiven Vibes aus den Kommentaren, die sagen, „Mir geht es auch so, Du bist gar nicht so wunderlich, wie die anderen Dich glauben machen wollen.“ Ich wünsche mir auch solchen Auftrieb von Menschen, die verstehen, wie ich mich fühle mit meinem Makel (oder mit meiner Besonderheit, je nachdem).

Ich möchte ein bisschen mehr Selbsthilfegruppe-Feeling. Sonst noch wer?

Foto: diver, "Organisiertes Chaos"
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Quelle: www.piqs.de
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3 Gedanken zu „Anorgasten aller Länder, vereinigt euch!

  1. ninjaan

    Ich lese hier ja nun seit einigen Tagen (Woche?) mit und habe bis jetzt in der Tat recht wenig kommentiert – ich bin aber, und das hätte ich auch ruhig schon mal sagen können :), beeindruckt! Es ist so wichtig darüber zu sprechen!!! Dieses teilweise „totschweigen“ gepaart mit manchen Meinung “ na, das ist mehr anstellen als alles andere“ sind unerträglich und falsch und verhindern nur, dass niemand sich mit diesem Thema genug auseinandersetzt!
    Ich habe nie wirklich von Anorgasmus gehört (schon das ist eine traurige Tatsache) – aber auch ich hatte einmal, als ich jünger war etwas, über das es zu reden so unglaublich schwer war, das mich so oft hat verzweifeln lassen (ich war halt auch noch jung) und hätte ich damals nicht eine wundervolle Frauenärztin gefunden, die mir zuhörte, mit mir sprach und mich ernst nahm, ich würde wohl noch heute so extrem darunter leiden.
    Blogs wie deine, Menschen wie du sind wichtig, nicht nur für andere „Betroffene“ auch für Leute wie mich, die sonst selten über so etwas hören!
    ich bin keine Ärztin und auch keine Psychologin und kann deshalb zu deinen, in diesem Post aufgeworfenen Fragen, eigentlich wenig sagen, aber nach allem was ich gelesen habe, was du so beschreibst – kann das wirklich nur Angst sein? Ich weiß es nicht… Das Gehirn und Ängste können viel mit einem machen, das steht fest und vielleicht kann man es nur zu 100% ausschließen, wenn man auch dieser Spur nachgegangen ist?
    Welche Möglichkeiten gibt es denn da?

  2. A.

    Ich bin heute über Twitter zufällig auf diesen Blog gestoßen und war zunächst ein bisschen sprachlos, weil ich nicht damit gerechnet habe, meine eigenen Gefühle so akkurat beschrieben zu lesen! Ich war mir noch nicht einmal im Klaren darüber, dass ich nicht alleine bin. Versteh mich nicht falsch, klar wusste ich, dass es Frauen gibt, die nicht zum Orgasmus kommen, aber ich dachte immer, dass das bei „den anderen“ bestimmt gute Gründe hat (die von dir schon erwähnte Kindheit zB), und dass es für diese Frauen temporär ist, bis sie die Ursache bekämpft haben. Bei mir konnte ich nie eine Ursache sehen und so hab ich versucht, einfach hinzunehmen, dass wohl mit mir selbst etwas nicht stimmt.
    Und so beschissen die Situation für dich ist, ich bin grad echt froh, dass es dich gibt, und dass ich mit meinem Problem nicht allein bin! Danke für diesen Blog!
    Also, um auf die Frage in deinem Post zurückzukommen: ich bin sehr für Selbsthilfegruppenfeeling 🙂 Endlich mal eine kennen zu lernen, die mein Dilemma versteht, das fühlt sich grad echt gut an.
    Danke! ❤

  3. icantcome Autor

    Vielen Dank für Eure Kommentare!

    @A.: Willkommen! Ich freu mich auch, dass du hierher gefunden hast – und dass es dir so geht wie mir. Ich kann mich mit dem Typ Frau, der klassischerweise in Verbindung mit Anorgasmie beschrieben wird, auch überhaupt nicht identifizieren. Vielleicht geht das ja noch viel mehr Frauen so.

    @ninjaan: Ja, es ist trotz aller Aufgeklärtheit schwer, darüber zu sprechen, wenn einen sexuell etwas bedrückt. Wie schön, dass Du für Deine Angelegenheit eine kompetente Ansprechpartnerin gefunden hast. Es kann so viel kaputt gehen, wenn man mit so einem Problem an die Falsche gerät.
    Und was die „Angst-Spur“ angeht, ich werde diese klassischen Ursachen wohl tatsächlich mit dem Psychologen besprechen, den mir meine Frauenärztin für eine Sexualtherapie empfohlen hat. Ich bin irgendwie ganz zuversichtlich, dass er da was machen kann, wenn es tatsächlich daran liegt. Du hast Recht, es ist natürlich das Beste, alle Möglichkeiten auszuloten, selbst wenn sie einem am Anfang nicht einleuchten.

    Vielen Dank noch mal, Euer Zuspruch tut sehr gut!

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