Behindert bin ich nicht, behindern tue ich

Anorgasmie ist keine Behinderung. Es ist auch keine Krankheit. Es ist – ganz schnöde – eine „Störung“. Und doch fühle ich mich behindert mit diesem Nicht-Kommen-Können. Natürlich nur in Bezug auf eine bestimmte Fähigkeit, die ich nur in einem bestimmten Bereich meines Lebens brauche. Aber ist das mit „echten“ Behinderungen nicht auch so?

Und es kommt noch ärger: Nicht nur fühle ich mich behindert, ich behindere in ganz unerhörter Weise meinen – von sich aus weder behinderten noch gestörten – Partner. Ich hindere ihn daran, dass er mit der Frau seines Herzens (also mir) häufigen, hemmungslosen, hingebungsvollen Sex hat. Ich behindere vollkommen die Entfaltung seiner Lust. Aus Liebe zu mir muss er ständig Rücksicht nehmen, sich zurücknehmen, verzichten, verstehen.

Darf ich ihm das eigentlich zumuten?

Ende
Foto: Robert Schumah, "Ende"
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Quelle: www.piqs.de
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12 Gedanken zu „Behindert bin ich nicht, behindern tue ich

  1. icantcome Autor

    Hehe, vielleicht kommentiert er den Post ja mal … ! Wir haben natürlich auch schon darüber gesprochen. Und was er dazu sagt, geht in die Richtung: „Niemand ist perfekt.“ Ich bin sehr froh, dass er es locker sieht, mich nicht unter Druck setzt und mir nicht das Gefühl vermittelt, ich würde ihm etwas vorenthalten.

    Ich habe dieses Gefühl aber dennoch. Und darin steckt auch der entscheidende Unterschied zu echten Behinderungen oder Krankheiten: Bei mir gibt es kein ärztliches Attest, das mir bestätigt, aus einem nachweisbaren Grund nicht orgasmusfähig zu sein. Im Gegenteil – die gängige Sichtweise schiebt mir den schwarzen Peter zu: Eine Frau, die keinen Orgasmus erlebt, kennt angeblich ihren Körper nicht genug oder hat eine negative Einstellung zu ihrer Sexualität. Ich bin sozusagen selbst „schuld“ an meinem Problem. Und damit an dem Problem meines Partners.

    Aber wie gesagt, er akzeptiert mich einfach so, wie ich bin. Ein Traummann.

  2. zweisatz

    Ich bin froh, dass er das tut, denn alles andere fände ich daneben. Also … ich bin voll und ganz dafür, dass Leute feststellen können, dass sie, so zu zweit, nicht miteinander klarkommen und irgendeine Lösung finden (die halt leider manchmal Trennung bedeutet). Aber dich hier irgendwie zu beschuldigen, fände ich überhaupt nicht in Ordnung. Ja, klar, wenn du nicht du wärst, dann wäre euer Sexualleben vielleicht anders, aber das macht dich nicht falsch. Außerdem müssen alle Menschen, die miteinander schlafen, absprechen, was für wen funktioniert.
    Wenn jetzt jemand zu dir käme und sagen würde, er wird nicht gerne am Bauch angefasst, würdest du ihm doch auch keinen Vorwurf machen. Das ist halt ein Fakt.

    Ähm, worauf will ich hinaus, keine Ahnung. Tu was dir gut tut 🙂

  3. icantcome Autor

    Danke für Deinen Kommentar, natürlich sehe ich das auch so, dass man sich in Sachen Sex – wie in allen anderen Bereichen der Beziehung – auf einander abstimmen und eben auch unliebige Kompromisse eingehen muss.

    Ich habe es mit meinen Ex-Freunden aber schon so erlebt, dass sie weniger gut damit klar kamen, dass ich nie kam und meine Lust am Sex irgendwann nachließ bis total ausblieb. Einerseits fühlten sie sich abgewiesen und verunsichert, weniger begehrt und waren einfach traurig. Andererseits verstanden sie, dass ich nicht anders konnte und dass es ihnen wohl auch so gehen würde in meiner Situation. Und gerade deshalb war die Perspektive, Jahre lang mit mir zusammen zu sein, sehr beunruhigend. Ich kann das sehr gut nachvollziehen und finde es auch nicht daneben. Jeder hat ein paar Ticks, aber seinen Partner nie zum Höhepunkt der Lust begleiten zu können – das ist schon eine recht wesentliche Einschränkung. Es ist nicht schön, allein zu sein mit seinem Frust, aber eben auch nicht, allein zu sein mit seinem Begehren und seiner Befriedigung.

  4. zweisatz

    Es ist völlig logisch, dass das für alle erst mal ’ne Situation ist, mit der man lernen muss umzugehen :/
    Aber du identifizierst dich nicht auf dem asexuellen Spektrum, oder? (Da gibt’s noch verschiedene Abstufungen wie gray-sexual, demi-sexual usf.) Mit den Schlagwörtern könntest du vllt. auch noch interessante Blogs finden.

  5. icantcome Autor

    Nee, ich bin nicht asexuell, find’s aber interessant, mich damit zu beschäftigen. Ich liebe und begehre Männer. Gerade deswegen ist Anorgasmie unangenehm. Ich habe Lust, bin zum Zerbersten erregt, es kommt aber nicht zum Zerbersten.
    Fühlt sich tatsächlich eher an wie eine Fehlfunktion im Körper, nicht wie eine generelle sexuelle Orientierung.

  6. Z.

    Ich komme beim Sex auch nie. Allerdings kann ich grundsätzlich kommen. Ich kann mich selber nicht zum Orgasmus streicheln, ich muss mich an ner Kante auf ne bestimmte Art reiben. Ist blöd aber kann mich schlecht umgewöhnen… Mein Freund ist auch so wie bei dir, er akzeptiert das. Das ist toll. Also selbst wenn du Orgasmen hättest wäre nicht gesagt dass du sie beim Sex auch hättest.

  7. icantcome Autor

    Liebe Z., solche Schwierigkeiten, beim Sex zu kommen, haben mir schon mehrere meiner Freundinnen beschrieben. Entweder können sie mit ihrem Partner gar nicht zum Höhepunkt kommen oder nur, wenn sie sich in seiner Anwesenheit selbst befriedigen. Darunter leiden die betroffenen Frauen mal mehr, mal weniger.
    In meinem Fall ist es aber so, dass ich beim Sex zwar erregt werde, aber letztendlich auf dieser Erregung „sitzen bleibe“. Die Entladung der sexuellen Anspannung findet nicht statt. Sex frustriert mich also im Endeffekt mehr, als dass er mir gut täte. Ist das bei Dir auch so?

  8. Z.

    Generell zum Glück nicht, aber ich hatte mir mal die Hand verletzt und da blieb ich auch sitzen drauf, das dauerte Monate zu heilen. Da hab ich aus genau dem Grund noch weniger Bock auf Sex gehabt als ohnehin. Also von der zeit kann ich das ein bischen verstehen, den frust. Tut mir leid dass ich deine Erfahrungen relativiert habe, ich wollte mich auf den Aspekt Partner und was er erleidet, wenn er immer nur als einziger kommt, konzentrieren. Dachte, das nimmt vielleicht auch Druck raus dass es vielen partner_ innen so geht dass sie die andere Person eben nicht zum Orgasmus begleiten können. Nix für ungut, tut mir echt leid dass das so rücksichtslos gewirkt hat, mein Kommentar!

  9. icantcome Autor

    Ich habe mich sehr gefreut, dass Du Dein Erleben beschrieben hast und hatte nicht das Gefühl, dass Du etwas relativierst. Es kam überhaupt nicht rücksichtslos bei mir an.

  10. Z.

    Da bin ich aber froh. Denn es war ja ne Relativierung. Ich bin über dein Blog froh, weil du eine Sache thematisierst, die ich sonst nirgends gelesen habe, und auch wenn ich denke ich habe Orgasmen, sind die nicht unbedingt wie es im Buch steht. Daher dachte ich auch manchmal, ich hätte eine Störung und fragte mich sogar manchmal ob ich nur fälschlich glaube, Orgasmen zu haben. Z.b. Die erkenntnis dass große teile der Klitoris unterirdisch verlaufen und das die anschwellen. Das habe ich nur so ein paar mal im leben erlebt. Wäre ich ein Mann würde ich also keinen hoch bekommen.. Dann die frage, kann das, was ich erlebe überhaupt ein O. sein, so ohne Klitoris Erektion? Etc… Wie du schon wo schriebst, einfach wenig erforscht, das ganze.

  11. icantcome Autor

    Diese Verunsicherung kann ich gut verstehen, damit bist Du nicht allein. Ich glaube, Du weißt selbst am besten, was Du fühlst. Und angeblich gibt es ja Wege, sein Orgasmusempfinden zu intensivieren. Da bin ich aber wahrlich keine Expertin.

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