Wie wär’s mit einer elektrischen Vagina?

Schalter

Vor kurzem stieß ich auf den Blog Not quite like Beethoven, in dem es um Schwerhörigkeit geht. NqlB beschreibt in einem Blogeintrag sein Ringen mit der Frage, ob er sich ein elektrisches Ohr, also ein Cochlea Implantat, einoperieren lassen sollte. Dafür spräche, dass er damit wieder einfacher mit anderen Menschen kommunizieren könnte. Jedoch wäre es ein Zugeständnis an die Perfektionierung des Körpers durch die Hightech-Medizin (verkürzt ausgedrückt, ich empfehle die Originallektüre). Er befürchtet, dass ihm sein Körper durch das Einsetzen eines solchen Implantats entfremdet würde.

Ich habe mich nach dem Lesen seines Posts und der knapp 70 Kommentare gefragt, was wäre, wenn mir ein Arzt vorschlüge, mir eine elektrische Klitoris zu implantieren. Batteriebetrieben und daher nicht immer einsatzbereit, dafür aber – bei adäquatem Gebrauch und regelmäßiger Wartung – mit Orgasmusgarantie.

NqlB entschließt sich schlussendlich doch für das Implantat und bezeichnet sich selbst damit – nicht ganz ohne Ironie – als Cyborg: teils Mensch, teils Maschine.

Wie wäre es also, wenn ich diesen urmenschlichen Akt – mit meinem Partner körperlich eins werden und dabei in allerhöchste Verzückung geraten – mit Hilfe einer Hightech-Klitoris endlich erleben könnte? Würde ich das wollen?  – Eher nicht. Denn ich hätte das Gefühl, dass es eben nicht meine Lust ist, die da zum Höhepunkt kommt. Sondern lediglich, dass ein elektrischer Mechanismus funktioniert. Den Orgasmus stelle ich mir als etwas Metaphysisches vor, das keine Maschine produzieren kann. Lieber entbehre ich ihn, als dass ich mich einer solchen Gauklerei ergeben würde.

Andererseits: NqlB beschreibt, dass ihm nicht der Hörverlust an sich so zu schaffen macht, sondern die Abschirmung von den Menschen, die damit einhergeht. Auch für mich bedeutet die Unfähigkeit, Sex ebenso zu genießen wie mein Partner, in gewisser Weise Isolation und Einsamkeit. Vielleicht würde ich – auch meinem Partner zuliebe – daher doch einer elektrischen Vagina zustimmen. Und es vielleicht, wie NqlB, noch nicht einmal bereuen.

Foto: Kevin Dooley, „Thingamagoop 2 from Bleep Labs“
Some rights reserved.
Quelle: www.piqs.de
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4 Gedanken zu „Wie wär’s mit einer elektrischen Vagina?

  1. not quite like beethoven

    Das ist ja mal eine interessante Überlegung. (Und ein spannendes Blog! Danke fürs Pingen.) Ich treibe die Analogie mal ein bißchen weiter: Ich glaube, falls es hier ein Implantat gäbe, für Frauen oder auch für Männer, müsste man sich das vermutlich weniger wie eine Klitoris oder eine Eichel, sondern so ähnlich wie eine Spirale mit kleinem Prozessor dran vorstellen (genau wie ein CI, im Grunde). Man könnte also vermtulich durchaus vergessen, dass man eins hat, wäre da nicht diese kurze Überlegung beim Küssen, ob denn wohl der Akku ausreichend aufgeladen ist. Und vielleicht müsste man sich auch vorstellen, dass die Empfindungen nicht wie ganz die natürlichen wären (eher wie Muskelzucken oder leichte Krämpfe), so dass man lernen müsste, das als Orgasmus zu empfinden. Vielleicht müsste man sogar differenzieren zwischen Menschen, die bereits irgendwann einmal einen Orgasmus hatten, und die die alte Erinnerung mit den neuen Empfindungen verknüpfen können, und jenen, die noch nie einen hatten, und darum gleich mit den neuen Empfindungen „arbeiten“.
    Hmmm.

  2. TanteMaedel

    Naja, der Vergleich mit einer elektrischen Vagina und einem elektrischem Ohr hinkt erheblich. Ich kann verstehen, dass dir dein Probleme Probleme bereitet, aber trotz alledem ist es nicht vergleichbar. Hören ist ein Sinn und die Einschränkung dessen ist eine Kommunikationsbehinderung. Durch Kommunikation werden Grundlagen für das Leben aufgebaut, wie Aufbau einer Beziehung, psychische und soziale Entwicklung, Sozialisation, Wissenserwerb, Orientierung, usw. Die Tragweite dessen, kann nicht in ein paar Sätzen erfasst werden. Ich geh mal davon aus, dass du dich mit diesem Thema nicht befasst hat und somit dessen nicht bewußt bist. Das Einzige was ich dazu empfehlen kann, ist, sich ein paar Tage lang bewußt zu machen, was du nebenher hörst und was wäre, wenn du dieses nicht gehört hättest. Damit kann ein Teil erfasst werden, wie es ist, eingeschränt zu hören. Oder lauf mal ein paar Tage lang mit einem (es müssen nicht zwei sein) zugestopften Ohr rum und versuche deinen Alltag zu bewältigen. Ich bin gespannt, wie lang du das aushältst.

  3. icantcome Autor

    Irgendwie hatte ich geahnt, dass der Vorwurf eines vermessenen Vergleichs kommen würde und danke Dir, TanteMaedel, dass Du mir die Gelegenheit gibst, es klar zu stellen: Ich maße mir nicht an, Schwerhörigkeit mit Anorgasmie zu vergleichen. Ich erzähle vielmehr von einem Gedankenexperiment, zu dem mich der Konflikt, den NqlB in seinem Blog beschreibt und den seine Commenter breit auffächern, inspiriert hat. Die Parallele, die ich anführe, ist das Gefühl der Abgeschnittenheit. Es begleitet Schwerhörige wohl überall im Alltag. Mich nur in recht speziellen Situationen und in Bezug auf meinen Partner.

    „Mein Problem“ teilen mit mir übrigens 5 – 10 % der Frauen auf der Welt. Wie ich es sehe, ist es also eher eine Variante der Normalität.

    NqlB, ich freue mich, dass Du das Gedankenexperiment aus deiner Perspektive erweiterst. Das Differenzieren zwischen “primärer” und “sekundärer” Anorgasmie ist auf jeden Fall wichtig. Mir geht es um die primäre, bei der man noch nie gekommen ist.

    Das mit dem Akku-Check wäre natürlich ein erheblicher Nachteil. Wie ich mich kenne, wäre er im entscheidenden Moment immer leer 😉

  4. Labyrinthus

    Eine wirklich spannende Überlegung! Auch wenn diese Analogie vielleicht nicht in jedem kleinen Detail funktioniert, ist es doch ein interessantes Gedankenexperiment. Wie wäre es, frage ich mich, wenn mir jemand einen original funktionierenden Penis anbieten würde, dessen Nervenleitungen jedoch durch ein elektrisches Bauteil mit meinen Hirnströmen verknüpft sein würden? Wäre ich bereit, diese Cyborg-Haftigkeit (ich kann dieses von Nqlb vorgebrachte emotionale „Unbehagen“ als Argument gut nachvollziehen!) in Kauf zu nehmen?
    In meinem Beispiel hätten wir noch eine kleine Pikanterie im Rande: Wenn diese Art von Adapter nicht nur „ursächlich“ für Lustempfindung und Erektion wäre, sondern auch noch Samenproduktion nebst Ejakulation ermöglichen würde (in Gedankenexperimenten muss man glücklicherweise nicht nach der Realisierung fragen ;-))- wie erzähle ich dann meinem Kind, dass es (Teil-)Produkt eines maschinellen Bauteils ist?

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