Darf’s ein bisschen mehr Testosteron sein? Oder wurden Sie vielleicht missbraucht?

Ich war so ungefähr 19 oder 20 Jahre alt, als ich zum ersten Mal mit einem Frauenarzt darüber sprach, dass ich nicht zum Orgasmus komme. Der Arzt kannte mich nicht besonders gut. Seine erste Frage war: „Haben Sie einen älteren Bruder?“ Ich bejahte. „Können Sie sich daran erinnern, dass er sie sexuell missbraucht hat?“

Ich habe und hatte großen Respekt vor dem Arztberuf. Damals dachte ich, wenn der Arzt diesen Verdacht so rasch und so offen aussprach, müsste etwas dran sein. Sowas haut man nicht einfach raus. Natürlich war ich total schockiert. Ich habe einen 7 Jahre älteren Bruder. Dass er sich an mir vergangen hätte, war aber schon eine extrem abwegige Vorstellung.

Das sagte ich dem Arzt, der dann allgemeine Phrasen drosch von sexuellem Missbrauch, der am häufigsten im Familienkreis auftrete, von Traumatisierung und Gedächtnisverlust. Ich glaube, ich saß einfach nur heulend da.

Schließlich verschrieb er mir – ohne irgendwelche Hormontests durchzuführen – Testosteron. Ich ging mit dem Rezept zur Apotheke und erhielt ein frisch angerührtes Tiegelchen mit testosteronhaltiger Vaseline. Die schmierte ich mir täglich auf die Innenseite der Oberschenkel. Das Ganze kam mir recht unnütz vor und ich vermutete ein Placebo-Präparat. Heute hätte ich sofort eine Google-Suche gestartet und herausgefunden, dass man Testosteroncremes Frauen in der Menopause verschreibt, die über Libidoverlust klagen.

Als ich meinem damaligen Freund von der Creme erzählte, nahm er’s mit Humor. Er wachte wohl jeden Tag mit der Erwartung auf, dass mir über Nacht ein Schnurrbart gewachsen wäre. Oder dass ich ihn beim Sprint zum Bus überholen würde. Dies trat nicht ein. Auch meine Libido zeigte sich von der Testosteron-Schmiererei recht unbeeindruckt.

Dafür hat mich der Arzt mit seinem Missbrauchs-Verdacht – gelinde gesagt – nachhaltig verunsichert. Ich grübelte Jahre lang immer wieder, ob ich nicht doch ein traumatisches Erlebnis hatte, das ich vollkommen verdrängt hatte (heute halte ich das für Unsinn).

Ich habe seine Praxis nie wieder betreten. Ich denke, der Frauenarzt handelte verantwortungslos. Anstatt mich zu beruhigen, vermittelte er mir, mir sei etwas Schreckliches passiert, ich trüge ein dunkles Geheimnis in mir, das noch nicht einmal ich selbst verstand. Er hatte offensichtlich keine Ahnung von der Thematik und hätte mich – ohne seine unausgegorenen Gedanken zu äußern – an jemanden verweisen sollen, der sich mit sowas auskennt.

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3 Gedanken zu „Darf’s ein bisschen mehr Testosteron sein? Oder wurden Sie vielleicht missbraucht?

  1. Pingback: Anorgasmie macht arm | I can't come ...

  2. Chris

    Ärzte sind fast alle durch die Bank weg Vollidioten, davor brauch man keinen Respekt haben. Ursachenforschung? Fehlanzeige. Alles was zu viel Untersuchungsaufwand bedeutet und zu wenig Geld einbringt wird gestrichen. Sozialkompetente Aufklärung? Nicht bei Ärzten.
    Ein interessanter Blog, bin gespannt, wie es weiter geht.

  3. icantcome Autor

    Danke! Schön, dass Du hergefunden hast.

    Übrigens: Mein Vater ist Arzt, mein Schwager auch, meine Großeltern waren Ärzte, meine Schwester ist Ärztin – insofern sehe ich das mit den Vollidioten etwas differenzierter. 😉

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